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Sa, 20.06.2015
Kino | Dancing Arabs OmU
Geliehene Identität5 Sterne
Der israelische Regisseur Eran Riklis schildert den Alltag einer Palästinenserfamilie im dem von Israel beherrschten Gebiet. Er macht das mit sehr viel Empathie für seine Figuren auf beiden Seiten. Es ist ein ernster, engagiert gehaltvoller Film über das Verhältnis der herrschenden Israelis mit ihrem ganzen Postkolonialismus zu den unterdrückten Arabern der Region. Riklis zeigt schon Kante, gruppiert unzählige Randprobleme um die Akteure herum, kann so schon mal kleine Szenen abbrechen. Nur bei überdurchschnittlicher Intelligenz wie bei Eyad (Tawfeek Barhom) gibt es die Möglichkeit, eine israelische Eliteschule zu besuchen und zu studieren. Hierbei ist immer mit Mobbing zu rechnen. Eyad macht Sozialdienst bei dem an Muskelatrophie erkrankten Israeli Yonathan (Michael Moshonov). Der Palästinenser sieht dem Israeli auffallend ähnlich (sic! Symbolik), kopiert dessen Pass und macht für ihn Examen, danach zum zweiten Mal für sich. Erstaunlich die Hürden, die die jüdische Gesellschaft errichtet, doch Eyad schafft es. Nur in der Liebe hapert es: Naomi (Danielle Kitsis) will zum Militär. Da sind Kontakte zu Arabern unerwünscht. Der Austausch der Identitäten der beiden jungen Männer hat nicht nur symbolischen Wert, hier kommt der Bestattung noch eine eigene Wertschätzung hinzu. Hart an der Realität gibt es keinen Silberstreifen am Horizont. Die Atmosphäre wird bestimmt von Angst und Misstrauen auf beiden Seiten. Riklis beschönigt nichts, ist aber bemüht die Emotionen unter der Decke zu halten. Die Einzelschicksale machen schon einen tiefen Eindruck. Ebenso wie die Hoffnungslosigkeit, gegen die alle immer wieder ankämpfen. Es scheint eine Sisyphus-Arbeit zu sein, bei der die eigene Tradition und Religion das einzige ist, das Halt verspricht. Von den beiden englischen Titeln passt für diesen großartigen Film nur die ‘Geliehene Identität‘.
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Do, 18.06.2015
TV | Das verlorene Wochenende
Don & die Flasche3 Sterne
Dieser Film zeigt, dass Billy Wilder auch anders kann. Und wie! Ein Psychogramm eines Trinkers Don Birnam, das mit seiner Intensität unter die Haut geht. Ein grandioser Ray Milland in der Titelrolle und Jane Wyman als seine Freundin Helen machen daraus ein Duell Liebe gegen Alkohol. Wir sehen die Genialität und den Charme eines Trinkers, aber auch die Unmöglichkeit der Abstinenz verbunden mit einer gewissen Zwanghaftigkeit zum Fusel. Wunderschöne s/w Bilder zeigen die Menge an durch die Wasserringe auf der Theke und die Dialoge bereiten vor und weisen auf die Katastrophe hin. Nach heutigem Erkenntnisstand ist der Bruder Wick (Phillip Terry) sein ‘Ko‘ d.h. er unterstützt den Trinker, indem er für ihn lügt oder dessen Sauferei auf sich nimmt. Eine Rolle die oft den Frauen zukommt. Der Weg ins Delirium erlebt seinen optischen Höhepunkt mit den Vampirfledermäusen, die aus der Wand kriechen. Das sind die sprichwörtlichen weißen Mäuse, die der Alkoholkranke im Endstadium sieht. Bevor Wilder zu seinem vielleicht die meisten beruhigenden Happy End findet, ist die Schreibblockade wie weggeblasen und Don beginnt mit seinem Roman ‘Die Flasche‘. Im ungewöhnlichen Finale geht es dramaturgisch lebhaft hin und her: eine Pistole taucht auf, Helen ahnt den Suizid, will sogar mit Don trinken. Sie findet die intellektuelle Lösung ‘Don der Trinker‘ ist bereits tot, ‘Don der Schriftsteller‘ lebt. Seine Zigarette wirft er ins volle Whiskeyglas. Zeitlos gut, weil immer aktuell. Der Titel ist ja wohl ironisch gemeint. Es war doch ein gewinnbringendes Wochenende aus der Rubrik FFE: Don ist geheilt, wird geliebt und schreibt wieder.
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Do, 18.06.2015
TV | Eine Familie im Krieg
Das Erbe4 Sterne
Hiam Abbass (‘Lemon Tree‘), das Gesicht des Nahen Ostens für uns Europäer, steht hier vor und hinter der Kamera. Rein äußerlich findet der alltägliche Krieg in Israel statt mit Bomben und Luftangriffen (Titel!) Abbass stellt hier einen palästinensischen Familienclan in den Mittelpunkt ihres Films und konzentriert sich dabei besonders auf die Probleme der jüngeren Generation. Dabei fährt sie unter anderem zwei Haupthandlungsstränge parallel: eine traditionelle Hochzeit wird vorbereitet und eine junge Studentin Hajar (Hafsia Herzi) versucht diesem vorgegebenen Ideal zu entkommen, verliebt sich in den Engländer Matthew (Tom Payne), und geht am Ende ins Ausland, um zu studieren. Die Traditionalisten verprügeln ihre Frauen, manche meinen, sie können sie sogar umbringen ‘Sie ist doch meine Schwester!‘ Hajar kämpft mit ihrer Familie (Titel!) um ihre Freiheit und mit ihrem Freund sobald der etwas gegen ihren Clan sagt. Der findet, ihre Familie führt sich auf wie ‘Horde Wilder‘. Hiam Abbass, die auch das Drehbuch geschrieben hat, erinnert auch daran, wie fest die Rolle der Engländer als Feinde seit dem 1. Weltkrieg im Bewusstsein der Palästinenser verankert ist. Ein Politiker muss sich entscheiden, ob er als Freund Israels in den Wahlkampf zieht oder nicht. Aber auch die ewigen Themen der Palästinenser kommen zur Sprache: Bleiben oder Weggehen?! Und natürlich auch die Alternative zwischen Liebesheirat und Zwangsehe, Hajar besteht sogar auf ihrem Recht glücklich zu sein. So lässt Abbas am Ende viele offene Wege in die Zukunft laufen. Nicht ohne den Hinweis auf den Originaltitel, der auf einem Hügel zu sehen ist: INHERITANCE und eine weitere, letzte Frage aufwirft…
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Di, 16.06.2015
Kino | Die Frau in Gold
Gold an der Wand4 Sterne
Das ist großes emotionales Kino, das sich weitgehend auf Fakten stützt. Es werden fast alle Argumente vorgetragen, die für oder gegen den Verbleib der Klimt Gemälde sprechen. Natürlich kann man da drehbuchmäßg etwas drehen, damit das Publikum für die Witwe Maria Altmann Sympathiepunkte vergibt. Und wenn die von Helen Mirren gespielt wird, ist man ohnehin auf ihrer Seite. Die ist wie immer großartig. Hier mal zwischen rebellierendem Altersstarrsinn und allgemeiner Verunsicherung. Mit der Bürde einer traumatisierten Vergangenheit, der Genugtuung wiederfahren muss. Sie schwankt zwischen gekränkter Familienehre und Wiedergutmachung durch den österreichischen Staat. Dabei ist es letztlich unerheblich, ob alle Facetten des historischen Hintergrundes genau stimmig sind. Die neckischen Wortgeplänkel mit ihrem Anwalt Schoenberg (Ryan Reynolds) sind der Puderzucker auf der Sahnetorte und tragen zum Erfolg des Films ebenfalls bei. Man kann sich dem emotionalen Sog nicht entziehen. Dazu braucht es keine Faktenflut. Davon gibt es weißgott genug, dass man der glaubhaften Seite folgen kann. Herz und Seele führen die Klingen im juristischen Streit mit Florett nicht mit dem Säbel. Besonders am Ende ist das Taschentuch angesagt. Die Flucht der jungen Maria Altmann (Tatiana Maslany) mit ihrem Mann (Max Irons) per Flugzeug aus Wien ist einer der dramatischer Höhepunkte neben dem Bilderstreit. Hier kommt sogar ein Hauch von Hitchcock (‘Der zerrissene Vorhang‘) auf, wenn sich durch mehrere Verzögerungen die Spannung erhöht. Und hier fällt auf, dass auf Ausgeglichenheit geachtet wurde. Unterstützung bzw. falsche Richtungshinweise für die Flüchtigen bzw. ihre Verfolger sind gleich verteilt in der österreichischen Bevölkerung. Kunstgenuss, Vergangenheitsbewältigung ansprechend verpackt.
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Mo, 15.06.2015
Kino | Adaption OV
Die schreibenden Zwillinge4 Sterne
Eine äußerst clevere Verknüpfung von mehreren Ebenen und Genres. Auf das Wesentliche reduziert spielt Nicholas Cage zwei Zwillingsbrüder Charlie und Donald. Beide schreiben. Donald mit Erfolg, Charlie ohne. Das ergibt eine gut differenzierte Charakterzeichnung mit einem äußerst sensibel agierenden Hauptdarsteller. (Endlich mal wieder zwei Rollen mit Format!). Susan (Meryl Streep) hat einen titelgebenden Roman geschrieben, den Charlie zu einem Drehbuch adaptieren soll. (Titel!) Dabei verarbeitete sie die Informationen vom Orchideendieb John Laroche (mal ganz anders Chris Cooper mit schiefem, lückenhaftem Fressbrett) und verliebt sich in ihn. Beide Handlungsstränge laufen in der Verlegerin Valerie (Tilda Swinton) zusammen, die mal in echt, mal in der Männerfantasie ihre ‘Schreiberlinge‘ vernascht. Hinzu kommen noch shakespearische Verwechselungsspielchen: Donald, der alte Draufgänger und Frauenfänger, agiert als Charlie für seinen Bruder. Susan folgt John ins Kifferparadies auf der Grundlage von Orchideen. Charlie und Donald beobachten beide. Nach zwei schockierenden Autounfällen wechselt das Genre von der schreibenden Zunft zum Krimi. Zuvor wird noch die zweite Adaption durch Kommentar und Bild erläutert mit einem Hinweis auf Darwin (‘Anpassung als Überlebenshilfe). Wie alle vier zusammentreffen und wer dann noch überlebt ist intelligent und sogar spannend gemacht. Ebenso wenn Charlie im Fahrstuhl Susan trifft. Er erkennt sie und ist sprachlos, sie kennt ihn gar nicht und geht. Und wer erkennt die beiden Cameos von Brian Cox und Curtis Hanson? Der Zuschauer geht beschwingt mit dem Turtles Song ‘Happy Together‘ beswingt von so viel Cleverness, die sogar Spannung verbreitet.
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So, 14.06.2015
TV | I am Love
Liebe geht durch den Magen4 Sterne
Eine einfache, banale Geschichte wird so erzählt, dass alles auf einen finalen Höhepunkt hinausläuft. Anfangs gibt es viel Leerlauf im wahrsten Sinne des Wortes. Die Mitglieder der Industriellenfamilie Recchi laufen oft und schnell durch die Gänge ihres Palastes, viel Palaver kaschiert die Einsamkeit und innere Leere der Figuren. Langsam kristallisiert sich ein Pärchen heraus: die reife Emma (Tilda Swinton), Mutter von drei erwachsenen Kindern, verliebt sich in den viel jüngeren Antonio (Edoardo Gabbriellini), den Freund ihres Sohnes Edoardo (Flavio Parenti). Er ist Koch und weckt mit seinen Gerichten Emmas russische Vergangenheit und Lüste. Durch geschickte Schnitte eilen die Gedanken mit ihren Wünschen der Realität voraus. Emmas welker Körper erlebt einen zweiten Frühling und gebärdet sich recht wild. Edoardos Unfalltod bringt alles ans Tageslicht. Emma outet sich ihrem Ehemann gegenüber ‘Ich liebe Antonio!‘ Antwort ‘Du existierst nicht!‘. Jetzt dreht der Film erst richtig auf, erwacht wie aus einem Dornröschenschlaf. Die Handlung gerät in einen wilden Bilderstrudel ohne viele Worte. Die Kamera umkreist alle Recchis und lässt sie einzeln, stumm die Zuschauer anblicken, wobei sich Entsetzen, Freude und Fassungslosigkeit in ihren Gesichtern wiederspiegeln. Nur unterbrochen von Emmas Kofferpacken. Am Ende ist sie einfach weg. Dieser schwindelerregende Dreh ist mit einem Soundtrack unterlegt, in dem die Geigen nerv tötend gleichförmig zuckende Töne produzieren, die an akustische Folter grenzen. Es spiegelt aber gleichzeitig die Seelenpein aller Beteiligten und geht dauerhaft durch Mark und Bein. Es ist der krasse Gegensatz zum lauen, dahinplätschernden Anfang und ergibt so doch noch einen eindrucksvollen Film.
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So, 14.06.2015
TV | Ilo Ilo
Zurück auf die Philipinen5 Sterne
Dieses Familiendrama aus Singapur wurde mit Preisen überschüttet. Was für ein Debüt! Es wird ein Dienstmädchen Terry (Angeli Bayani) eingestellt. Eine Alltagsgeschichte, die wegen ihrer logischen Alltagsnormalität überzeugt. Der junge Jiale (Koh Jia Ler) muss nicht nur mit ihr sein Zimmer teilen, er lehnt Terry ab, bekämpft sie, wo immer er kann. Wie Terry Jiales Herz erobert wird anhand vieler kleiner Details erzählt. Parallel dazu verläuft die berufliche Situation der Eltern. Vater wird gefeuert, Mutter schreibt in ihrer Firma Entlassungen. Damit weitet sich der Blick von der Familie auf die allgemeine gesellschaftliche Situation aus. Der Ehefrieden ist auch erheblich gestört. Im Haus herrscht ein barscher Ton, es gibt sogar Schläge. Das nutzt Terry für sich. Erst verpetzt sie Jiale nicht, der geklaut hat und heimlich raucht, dann wird sie zu seiner Vertrauten, als sie die Schuld an seinem Unfall auf sich nimmt. Sie begegnen sich auch in ihrer Körperlichkeit, z-B. beim Duschen. Die Annäherung der beiden wird noch enger als Jiale in der Aula öffentlich durch Stockschläge bestraft wird. (In Singapur üblich) So wird Terry seine einzige Vertraute. Sie trägt Salbe auf seinen geschundenen Popo auf. Zwei Nebenhandlungen runden das Sozialportrait genial ab: Jiale gelingt fast ein Lottogewinn und die schwangere Mutter (Yeo Yann Yann) fällt auf einen Motivationstrainer herein. Der soziale Abstieg wird auch noch durch die Geburt einer Tochter (kein Sohn!) weiterhin manifestiert. Als Terry aufgrund der finanziellen Situation der Familie entlassen werden muss, geschieht das kurz aber eindrucksvoll. Jiale leidet stumm. (Eine Strähne, eine Ohrfeige!) Quasi ‘Wie du mir so ich dir‘ verabschiedet er sich von ihr und sie von ihm. Ein beeindruckender Film, einfach erzählt, gefühlvoll ohne in Emotionen zu baden.
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Fr, 12.06.2015
TV | Gold
Gold für Emily2 Sterne
Thomas Arslan hat den Western nicht neu erfunden. Er hat einen leisen, ganz andersartigen Film gemacht. Ende des 19. Jahrhunderts macht sich eine Gruppe auf den Weg zum Klondike, um dort Gold zu finden. Wenig Action, ebenso wenig Worte aber eine wunderschöne, abwechslungsreiche Landschaft. Erst in den letzten zehn Minuten kommt so etwas wie Spannung auf. Der Gruppe ergeht es nach dem Zehn-Negerlein-Prinzip. Dabei kommt es Arslan wohl darauf an, ein Gruppenbild aus der Pionierzeit zu zeigen und so betont er die inneren Konflikte, die Einsamkeit und die Strapazen. Der Guide Wilhelm Laser (Peter Kurth) hat keine Ahnung von der Route und will nur das Geld, Müller (Uwe Bohm), der saufende Pechvogel tappt in eine Bärenfalle, das Ehepaar Dietz gibt auf und kehrt um, Rossmann (Lars Rudolph) verliert den Verstand und nimmt sich das Leben und der Packer Böhmer (Marko Mandic) hätte es fast geschafft und die einzige Überlebende Emily (Nina Hoss) als Belohnung gekriegt, wären da nicht zwei Kopfgeldjäger hinter ihm her gewesen. Diese Emily trägt den Film in seiner ganzen Handlungsarmut. Sie überstrahlt die Leere und die Gefahr. Eine Frau, die psychisch und auch physisch in der Lage ist diesen Treck durchzustehen, ist den Männern überlegen. Und sie muss durchkommen, denn zu Hause gibt es nichts wofür es sich lohnt zurückzukehren. Mit ihrem gesunden Menschenverstand ist sie die heimliche Führerin. Der Erfolg gibt ihr Recht. Wenn die Gruppe diskutiert, ob man weitergehen oder umkehren soll, den Guide aufhängen oder laufen lassen soll, handelt sie. Ihre Stärke ist die Einsicht in die Notwendigkeit. Nicht jedermanns Sache. Ganz bestimmt nicht für Western Fans.

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