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Mi, 25.03.2015
Kino | Mommy
Mutter Hilflos4 Sterne
Anfangs ist man nur geschockt, wegen der heftigen Fäkalsprache und den vielen F-Wörtchen. Dann ist man gepackt, weil man in den Sog der Handlung so hineingezogen wird, dass sie einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Regisseur Dolan schreit einem förmlich die Action und die Dialoge so heftig ins Zuschauergesicht, dass man sich manchmal wie bei einem Wirbelsturm schutzsuchend ducken möchte. Der Wunderknabe aus Kanada hat uns ein Mutter-Sohn Drama beschert, das mit ungeheurer Wucht auf die Zuschauer einschlägt. Der Star ist der junge Steve (Antoine-Olivier Pilon), der die Aggressivität in Persona ist. Gefährlich, weil der Vulkan in ihm jederzeit zum Ausbruch kommen kann. Seine alleinerziehende Mutter Diane (Anne Dorval) ist Ursache und Leittragende zugleich, aber das kriegt sie so nicht ganz mit. Erst die letzte Szene verdeutlicht durch ein Seelenfoto ihren inneren Zustand, nachdem alle sie verlassen haben. Dass es auch anders geht, zeigt die Nachbarin Kyla (Suzanne Clément). Die stotternde Lehrerin tut etwas, was Mutter Diane nie geschafft hat: sie setzt dem Jungen Grenzen und findet doch einen angemessenen Zugang zu Steve. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn mäandert zwischen Inzest und Krücke. Mutter kann nicht loslassen, sieht aber die Notwendigkeit, ihrem Sohn helfen zu müssen. Aber es gelingt ihr nie, das richtige zu tun. Steve ist ja keineswegs dumm. Er erkennt z.B. sofort, dass der benachbarte Rechtanwalt ihnen nicht helfen, sondern nur die Mutter flachlegen will. Der Film verfolgt einen wegen seiner Intensität noch lange nach dem Abspann, wenn man Zeit hat durchzuschnaufen und das Geschehen einzuordnen.
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Di, 24.03.2015
TV | Gewagtes Alibi
Kreuz und quer - tödliche Liebe4 Sterne
Es gibt Filme wie diesen, die schaut man sich nur wegen einiger Szenen an. Die Handlung selbst ist sekundär bis banal und abgedroschen. Der hier von Robert Siodmak ist so einer. Anna (Yvonne De Carlo, sexy wie sonst nie) zwischen dem Gangster Slim Dundee (Dan Duryea, der ewige Psychopath) und dem Geldtransportwachmann Steve (Burt Lancaster, hier mal als unglücklich Verliebter). Klar, dass der Überfall misslingt. Drei Optionen werden vorgestellt: hat Steve wirklich alles geplant, um Anna von Slim loszueisen (ein Deal?) oder wurde er von den beiden nur benutzt, um an die Kohle zu kommen? Im Krankenhaus kommt noch eine dritte Möglichkeit hinzu, die die Spannung hochschraubt: ein gedungener Mörder kidnappt Steve. Ein Haus am Meer im Mondschein. Die Stunde der Wahrheit: ein dunkler Türrahmen, Paukenschläge, Schüsse! Slim tritt erst nach einiger Zeit ins Licht. Lange sieht man nicht, ob er erfolgreich war oder nicht, bis die Kamera groß aufzieht. Nach Happy End sieht das jedenfalls nicht aus. Anders als heute sieht man häufig alle Akteure im Raum, keine hin und her hüpfende Einstellung mit ständig wechselnden Gesichtern im Großformat. Bisweilen zieht die Kamera die Architektur der Gegend mit in die Handlung hinein (Ausfahrten, Einfahrten etc.) und das optische Highlight ist die tanzende Yvonne von einer flirrenden Querflöte begleitet – fast eine Showeinlage. Dramaturgisch herrlich antiquiert, aber technisch immer noch Spitze. Ein guter Film Noir eben.
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So, 22.03.2015
TV | Fegefeuer
Reinigung4 Sterne
Ein anspruchsvoller, gewaltbetonender, politischer Film, der mit seinen vielen menschlichen Dramen unter die Haut geht. Estland im Zweiten Weltkrieg, von der Sowjetunion besetzt, kämpft das Land um seine Freiheit, seine Bewohner um ihre Würde. Der emotionale Vergleich zwischen den Foltermethoden der russischen Besatzer und der Handlungsweise der Zuhälter heute wird eindrucksvoll am Schicksal von zwei Schwestern geschildert. Aliida (Laura Birn) ist die herausragende Darstellerin des Films. Äußerst differenziert spielt sie die unter den sexuellen Quälereien der männlichen Unterdrücker Leidende, die gleichzeitig eine unausgesprochene Liebe zu Hans (Peter Franzen) dem Ehemann ihrer Schwester Ingel (Krista Kosonen) hat, den sie unter den Dielen des Hauses versteckt. Das ist ein zusätzliches Drama des Films. Am Ende bleibt sie allein bis - und hier kommt eine geniale Wende des Romans zum Tragen – bis die zur Prostitution gezwungene Zara (Amanda Pilke) bei ihr auftaucht. Sie geht nicht durch ein Fegefeuer, sondern durchlebt die Hölle. In sehr geschickt geschnittenen Rückblenden wird Zaras Geschichte in eindrucksvollen Bildern (Eisblumen) erzählt und mit der von Aliida verbunden. Dabei wird ihre verwandtschaftliche Beziehung ganz allmählich scheibchenweise enthüllt. Das ist äußerst spannend und bringt Licht in ein weitgehend dunkles Kapitel am nördlichen Rande Europas. Die ehemaligen Besatzer sind genau solche ‘Tiere‘ wie die Louis heute. Die Titelzeile aus einem Song der Ärzte fällt einem ein. Und bevor die Unerträglichkeit von Zaras geschundenem Leben und unsagbarem Leiden erreicht ist, kommt es zu einer schockierend befreiende Wende, die den Titel rechtfertigt. Knallhart, schockierend, einfühlsam und voller Tragik.
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Sa, 14.03.2015
Kino | Fräulein Julie
Machtkämpfe3 Sterne
Was uns da Liv Ullmann anbietet ist ‘quite a schlauch‘, würden meine Freunde auf der Insel sagen. Hochkonzentriert muss man dabei sein, um die geschliffenen Dialoge nachzuvollziehen und zwar rasch und flexible. Die Theatervorlage von August Strindberg lugt durch alle Ritzen der Inszenierung. Liv Ullmann hat das Rad nicht erneut erfinden müssen. Nur was draus machen, hätte sie müssen. Und das ist ihr eigentlich nur in der zweiten Hälfte und der letzten Einstellung gelungen. Das kann man so nicht auf der Bühne gestalten. Ein optischen Ende wie ein Bild der Praeraphaeliten. Das lindert den Schmerz des Gesehenen der vorangegangenen Stunden und schafft einen versöhnlichen Ausklang. Auf der Achterbahn der Gefühle und Abhängigkeiten ging es zuvor im Eiltempo dahin. Hier kämpften vor und nach dem One-Night-Stand: Mann gegen Frau, Herrin gegen Diener, Verachtung gegen Unselbstständigkeit, Verletzung gegen Wohltat und Macht gegen Ohnmacht. Und das in über zwei Stunden. In der zweiten Hälfte wird etwas mehr Gas gegeben. Hier kochen die Emotionen hoch. Liv treibt die drei Akteure zur Höchstform. Die Herrin (Jessica Chastain) steht im Zentrum. Sie kann dem Diener (Colin Farrell) nicht widerstehen und bleibt als einziges Opfer auf der Strecke. Die Köchin (Samantha Morton) bleibt der ruhende Pol, die moralische Instanz, die am Ende in den Gottesdienst geht, obwohl sie eigentlich am meisten leidet. Der Diener bringt dem Grafen den Tee, hat seine Tochter vernascht und schweigt. Nachdem er alle Optionen mit ihr durchgespielt hat, legt er ihr wortlos ein Rasiermesser hin und geht. Dass Strindberg die Frauen nicht besonders mochte, weiß man. Das hilft einem hier aber nicht beim Verständnis. Er bohrt halt dicke Arthouse-Bretter, die auch bei Liv Ullmann nicht ganz zu Sperrholz werden.
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Fr, 13.03.2015
TV | Corpo Celeste - Für den Himmel bestimmt
Marta und Don Mario2 Sterne
Dieser Film wird die katholischen Fundamentalisten nicht besonders erfreuen. Die kleine Marta (13) (Yle Vianello) wird auf die Firmung vorbereitet. Regisseurin Alice Rohrbacher stellt mit zynischer Distanz glaubensmäßige Übertreibungen vor und kirchliche Autorität in Frage. Wie kann man sonst den Titel verstehen? Oder z.B. die übereifrige Gemeindehelferin, die vor Schlägen nicht zurückschreckt, ganz im Gegensatz zum Bischof, der leicht debil nur ans Essen denkt. Marta geht schon bald auf Distanz zum Popanz der Kirche. Vor allen Dingen zu Don Mario (Salvatore Cantalupo). Das kleine Mädchen erkennt dessen Unwesen und Karrieregeilheit. Sie entwickelt eine wortlose Ablehnung und kann nur stumm reagieren. Als beide ein Kruzifix holen, das durch Marios Schusseligkeit vom Autodach ins Meer rutscht, gerät der Film fast zur Klamotte. (Wenn es nicht so ernst wäre!). Hinzu kommt Martas Erwachsenwerden als Frau. Viele sehr dunkle Einstellungen ohne Worte winken mit dem Zaunpfahl der Symbolik. So auch der Soundtrack der Vertonung von Goethes Heideröschens ‘Sah ein Knab‘ ein Röslein steh’n…‘ Stattdessen befreit sich Marta einfach, indem sie die Abstimmung der Füße macht und damit der Gemeinde dokumentiert, was sie von dem ganzen Zinnober hält. Zuvor hatte sie sich bereits aus Protest die Haare abgeschnitten. Festivalfilm!
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Fr, 13.03.2015
Kino | Still Alice - Mein Leben ohne Gestern
Hallo Alice!4 Sterne
Was für ein wunderbarer Titel für einen wunderbaren Film. Natürlich ist Alice ‘immer noch‘ Alice. Sie ist immer noch da, aber wie? In was für einem Zustand lebt sie? Die Regisseure Glatzer (†) und Westmoreland zeigen den graduellen physischen und psychischen Verfall eines Menschen. Sie gehen fast dokumentarisch ans Werk, ohne den üblichen Schmus, der sonst um dieses Thema gemacht wird. Dabei geht es natürlich nicht ohne Emotionen ab. Doch die sind so dezent gesetzt, mal mit entwaffnender Ehrlichkeit, dann wieder mit liebevoller Hilflosigkeit, auch mal kantig oder sexy, dass die Rührung steigt, bis die Träne quillt. Besonders bewegend, wenn in klaren Schüben, Alice die Erkenntnis kommt über den Verlust der geistigen Kapazität. Erst fehlen nur Begriffe im Vokabular, dann kommt es zu motorischen Störungen, schließlich gibt es Orientierungsschwierigkeiten und in der Endphase nur noch fast unverständliche Laute. Das letzte Wort von Alice ist ‘LIEBE‘. Und so findet der Film auch noch einen genialen Schluss. Julianne Moore in eine ihrer größten Rollen, als Mutter, Ehefrau und Wissenschaftlerin. Sie rührt buchstäblich die besagten Steine. Aber auch John (Alec Baldwin) – erst in letzter Zeit in diesem Genre anzutreffen – schafft den Spagat zwischen Karriere (Leben geht weiter!) und liebevollem Ehemann. Manchem mag er nicht liebevoll genug sein. Die Kinder sind gut in Szene gesetzt, ihre Probleme passend in die Handlung eingebaut. Dieses ‘natürliche Umfeld‘ hält auch in gewisser Weise die Emotionen in Schach und umrahmt einen ganz großen Film, mit einer ganz großen Hauptdarstellerin.

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Gut gemacht. Gute Schauspieler.Es ist ein schöner Zeitvertreib. Gern auch über Mediathek.

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