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Fr, 07.11.2014
TV | Reds - Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit
Die Roten4 Sterne
Trotz der Oscars ist dieser Film in der Versenkung verschwunden und wird nur selten gezeigt. Dabei ist er durchaus sehenswert. Es wird eine historisch bedeutsame Epoche gezeigt: die Oktoberrevolution in Russland aus der Sicht des amerikanischen Arbeiterrevolutionärs Jack Reed (Warren Beatty, auch Regie). Reeds Buch ‘Zehn Tage die die Welt erschütterten‘. Dabei sind die fünf Drehbuchautoren sehr um historische Präzision bemüht, was auf Kosten von längeren Diskussionen geht. Aber es gibt auch genug Actionszenen. Bisweilen wird es ein richtiger Abenteuerfilm. Durch immer wieder eingestreute Statements von Zeitzeugen wird zusätzliche Authentizität hergestellt. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Verhältnis von Jack und der Schriftstellerin Louise Bryant (Diane Keaton). So wird ein packender bipolarer Unterhaltungswert geschaffen. Bezüge zur großen Weltgeschichte wechseln mit ganz persönlichen individuellen Befindlichkeiten. (Zwischen Bett und Demo) Dabei fällt der Blick auch auf die amerikanische Literaturszene vor dem ersten Weltkrieg. Hier steht eine Beziehung zwischen Louise und Eugene O’Neill (Jack Nicholson) im Vordergrund. Auch der Friedensaktivistin Emma Goldman (Maureen Stapelton) wird ein Denkmal gesetzt. Im immerwährenden Streit zwischen Jack und Louise geht es ihr um die Emanzipation und ihre Unabhängigkeit. Sie schwankt zwischen Schmollen und Bewunderung, spielt aber immer die zweite Geige. Er versucht Karl Marx wörtlich zu nehmen: ‘Proletarier aller Länder…‘ Deshalb reist er mit ihr illegal nach Petersburg, ist mittendrin in der revolutionären Phase mit Lenin, Trotzki und Kerensky. Der Mittelteil hängt etwas durch, wenn es um die Spaltung von KP und Kommunist. Arbeiterpartei geht. Jack Reed erkennt kurz vor seinem Tod, dass das kommunistische System nicht funktionieren kann. Großartig. Packend. Individualistisch authentisch.
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Do, 06.11.2014
Kino | Maps to the Stars
Die Hure Babylon4 Sterne
Hollywood brennt! So zumindest schreit uns ein Poster des Films optisch an. Und eine Karte zu den Sternen ist der Film auch nicht. Es ist David Cronenbergs bitterböse Abrechnung mit dem Zirkus Hollywood. Die Macken der Stars sind nur die Oberfläche der Szenerie. Darunter tun sich Abgründe von Menschenverachtung auf. Man bedient sich einer Fäkaliensprache (jedes zweite Wort fängt mit ‘F‘ an) der übelsten Art. Die Männer denken mit dem Schwanz, die Frauen mit ihrem Genital und beide Geschlechter haben nur ihre Karriere im Sinn. Ein echter Sündenpfuhl! Heuchelei und Neid sind die häufigsten zwischenmenschlichen Regungen. Es wird ausgebeutet und rumkommandiert, dass man es kaum glauben kann. Die Unterhaltung besteht meist aus verletzenden Sprüchen. Selbst Inzest ist vorgekommen. Schizophrene Wahnvorstellungen führen unter anderem fast zu einem Mord. Es ist ein Sammelsurium von lauter total kaputten Typen. So bleibt am Ende nur ein zweifacher Suizid als Ausweg. Hier setzt Cronenberg ein Sahnehäubchen: ‘La Liberté‘ von Paul Eluard. Zeilen daraus geistern durch den ganzen Film. Benjie (Evan Bird) und seine Schwester Agatha (Mia Wasikowska) wählen die letzte Freiheit. Cronenbergs Film ist eine Psychofolter der besonderen Art, denn eigentlich gibt es ja so etwas wirklich. Nur diese Dichte und Konsequenz erschlägt einen. Aus der unglaublich guten Darstellerriege ragt turmhoch Julianne Moor heraus. Sie ist Opfer und Täter zugleich.
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Mi, 05.11.2014
TV | The Winslow Boy
Eine Frage der Ehre2 Sterne
Ein Sozialdrama mit historischem Hintergrund, zu dem Terence Rattigans Theatervorlage diente. Ihm verdanken wir die geschliffenen Dialoge, Regisseur Mamet hingegen die britisch unterkühlte Art und Weise, in der hier agiert wird. Das engt die Darsteller stark ein und reduziert sie zu Holzfiguren. Oberste Maxime ist nun halt mal ‘Contenance‘ wahren. Der Grund der Gerichtsverhandlung scheint immer noch aktuell. (Heute wird auch noch eine Kassiererin wegen ein paar € entlassen.) Ronnie Winslow soll eine Postanweisung gestohlen, die Unterschrift gefälscht und eingelöst haben. Hat er natürlich nicht. Vater Winslow (Nigel Hawthorne) ruiniert seine Familie finanziell, die Verlobung seiner Tochter Catherine (Rebecca Pidgeon, Ehefrau des Regisseurs) platzt und Sohn Dickie (Matthew Pidgeon, Rebeccas jüngerer Bruder) muss Oxford verlassen. Ein Pyrrhussieg also für diesen Familienverband im doppelten Sinne. Das Ambiente ist artgerecht, die erwartete Lovestory zwischen Catherine und Anwalt Morton bleibt aus. (‘No sex please, we are British‘.) Es gilt nur noch ein Gefühl: die Ehre, die Familienehre. Lediglich die Streitgespräche zwischen Winslow und seinem Anwalt Morton (Jeremy Northam) bewegen einen zum Weiterschauen. Sie streiten eigentlich um ‘des Kaisers Bart‘. Mutter Winslow (Gemma Jones) leidet am meisten unter dem Drehbuch. Die deutsche Synchronisation ist manchmal hanebüchen (‘3 und 6‘ öfter wiederholt soll heißen 3 Shilling und 6 Pence). Wer’s mag?! Konventionelles Kino mit dazu passendem Thema.
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Di, 04.11.2014
Kino | Untold Scandal OmU
Fernöstliches Dekamerone2 Sterne
Als Ideengeber muss man ja wohl der Vollständigkeit halber den alten Choderlos de Laclos mit seinen ‘Gefährlichen Liebschaften‘ nennen. Das hier ist eine fernöstliche Fassung, die nur ganz entfernt mit ihm etwas zu tun hat. Nach dem anfänglichen Hingucker, bei dem man sich ‘Im Reich der Sinne‘ wähnen kann, erstarrt die stark ritualisierte Handlung in Dialoge. In korsettartigen Kostümen bewegen sich die Frauen wie Festungen, die bei einem Kuss noch in Ohnmacht fallen, und die Männer agieren wie Eroberer, die die Festung nach Lust und Laune sturmreif schießen dürfen. Wir Europäer haben bei der Differenzierung der Personen und Namen Probleme. Denn neben der Verführungswette entsteht noch ein Bildband mit Stellungsbeispielen. Und eine angedeutete Kopulation in einer Sänfte, wo sie und er wie auf einem Zweierbob sitzen. Der Rest ist für uns viel zu weit weg. Selbst eine tödliche Verwundung und ein Todessprung in einen zugefrorenen See hinterlassen nur den Kälteeindruck der winterlichen Landschaft. Die ist allerdings sehr schön. Manches geht dann in Richtung unfreiwillige Komik. So wie z.B. die beiden Off Kommentare. Am Anfang heißt es der Film ‘ist nur für moralisch gefestigte Menschen‘ und am Ende werden sie ‘ein Paar im Jenseits‘. Wenn sie nicht gestorben sind…Bei dem Titel?! Der wirkt wie ein Zeigefinger auf die Bösen. Die waren’s. Aber ungesagt ist da nichts, im Gegenteil. Nur für ästhetische Sinologen mit viel Geduld.
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Di, 04.11.2014
Kino | Pride
L.G.S.M.4 Sterne
Das Tolle an dieser Dramödie ist nicht, dass eine historisch belegte Tatsache dargestellt wird: 1984 unterstützten Schwule und Lesben die walisischen Bergarbeiter (L.G.S.M. Lesbians and Gays Support the Miners), sondern, dass ein an sich erstes Tabuthema mit viel authentischem Witz und menschlicher Wärme rübergebracht wird. Neben der ganz großen nationalen Entwicklung findet die individuelle Darstellung von Einzelschicksalen breiten Raum. Hier ist besonders die Rolle der Eltern beeindruckend, die z.B. erkennen müssen, dass ihr Sohn Joe (George MacKay) schwul ist. Auch die Gewerkschaften bringen sich ein. Dai (Paddy Considine) und Cliff (Bill Nighy), der selber sein Schwulsein verheimlichen musste, erkennen die Gemeinsamkeiten: sie gehören alle Minderheiten an. Mit viel Sympathie werden erste, landläufige Barrieren (Vorurteile) abgebaut. So kann das größere Körperbewußtsein beim Tanzen übertragen werden. Hier gibt Jonathan (Dominic West) den Kumpel und ihren Frauen Nachhilfe im Hüftenschwingen. Er macht den Chippendale. Berührungsängste werden teils handfest teils lautstark abgebaut. Da stehen die älteren Damen an erster Stelle. Herrlich frech und progressiv Hefina (Imelda Staunton). Dass der Film bei dem erfolgreichen Ende – jetzt unterstützten die Bergarbeiter die Schwulen und Lesben - nicht in einer einzigen Lobhudelei endet, zeigen die Informationen am Krankenbett und im Abspann (AIDS). Ein dokumentierter Tabubruch, der echt Laune macht wegen der überzeugenden Offenherzigkeit seiner Akteure und dabei auch noch menschlich tragischen Tiefgang beweist, der berührt. Eine seltene Perle.
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Sa, 01.11.2014
TV | Nickelodeon
Ladenkino4 Sterne
Peter Bogdanovich hat den Anfängen des Films ein Denkmal gesetzt. Als Insider kann er sich dabei auf viele kenntnisreiche Details stützen. Wir erleben in äußerst unterhaltsamer Form, wie man Anfang des 20. Jahrhunderts Stummfilme drehte: nur im Freien bei Sonnenschein (deswegen in Hollywood), mit Handkurbel und Zwischentexten). Es gibt Probleme am Set, wenn die Indianer nicht so spuren, wie sie sollen, erste Verehrung der Leinwandhelden mit Devotionalienklau und Krach zwischen Regisseur und Produzent. Und wenn man eine Badewanne voll Wasser sieht, muss auch einer reinfallen. Die Slapsticks sind genau vorbereitet und provozieren immer wieder Riesenlacher. (Drehtür, Zugdusche etc.) Doch Bogdanovichs Markenzeichen ist die Kettenreaktion von Slapsticks. Diese Zwangsläufigkeit von Missgeschicken ist zeitlos genial. Daneben ziehen sich manche Motive durch den Film und tauchen immer wieder mal auf (hier die vertauschten Koffer inklusive Inhalt). Mehrmals treffen sich auch die Akteure, geraten an einander, vertragen sich wieder und/verbreiten Chaos. Zunächst gilt das für Buck und Leo (Burt Reynolds und Ryan O’Neal). Aber auch die Mädels sorgen für humorvolle Einlagen. Zunächst brilliert Kathleen Cooke (Jane Hitchcock) im Heißluftballon und die kleine Alice (Tatum O’Neal) unterhält uns durch ihre coole und schlagkräftige Art. Mary (Stella Stevens) heiratet sich nach oben. Und bei der Denkmalpflege darf natürlich nicht der erste große Regisseur D.W. Griffith und einer sein ‘Birth of a Nation‘ fehlen. So gesehen ist der äußerst amüsante Film auch noch informativ. Chapeau!
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Fr, 31.10.2014
TV | Erbarmungslos
Unverzeihlich1 Stern
Es will mir trotz mehrfachem Anschauen und ewig langem Nachdenken nicht in den Kopf, wieso es für diesen Film von und mit Clint Eastwood 4 Oscars gegeben hat. Inhaltlich bietet er nichts Neues, die üblichen Westernzutaten sind drin. Verwitweter Farmer, Clint Eastwood, braucht Geld und verlässt Hof und Kinder um eine Hurenschändung zu rächen. War er da Stammgast oder was? Die Promis bringen den Plot professionell rüber. Der eine oder andere agiert etwas wunderlich: Richard Harris spielt das zwar ganz toll. Ich versteh nur nicht was er will. Ebenso ergeht es mir mit dem Sherriff, den Gene Hackman verkörpert. Einfach unberechenbar. Ist das etwa preiswürdig? Der gute alte Morgan Freeman spielt seine beste Seite als treuer Freund aus. Das kann er am überzeugendsten. Dann ist Clint Eastwood auch noch angeschlagen. Anna Thomson pflegt ihn ganz selbstlos gesund. Die bringt wenigstens etwas darstellerische Klasse in ihrer kleinen Rolle. Das Argument ‘Spätwestern‘ und ‘Abgesang auf einen Mythos‘ scheint mir etwas ausgetrocknet. Klar kann man 1992 keinen Western mehr wie Altvater Henry Ford drehen. Aber warum denn überhaupt? Etwa weil Eastwood mit diesem Genre groß und erfolgreich geworden ist? Auf diesem ausgetrampelten Pfad trabt er weiter. Hat er doch gar nicht nötig. Bleibt nur noch die Musik. Die ist auch von ihm, hört sich in ihrer Schlichtheit an wie von jemandem, der zum ersten Mal eine Gitarre im Arm hält und passt mit ihrer süßlichen Melodei zum Western wie Matjes zu Speiseeis. Und der Promibonus? Hätte es auch Preise gegeben, wenn den Film ein unbekanntes Greenhorn gemacht hätte? Vielleicht lieben die Amis ja so etwas? Ein Großer kann nur Großes vollbringen. Und der Western ist ja ihre ureigenste Erfindung. Der Titel besagt so etwas wie ‘ Gott verzeiht, Django nicht‘ oder so… Ich für meinen Teil kann nur sagen: inhaltlich abgedroschen, teilweise kryptisch und unheimlich laaaangweilig. Sorry Clint!
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Do, 30.10.2014
TV | Ungerechte Welt
Der Bulle und die Putze3 Sterne
Eine Parabel über Glück, Ehrlichkeit und Recht. Dabei geht Regisseur Tsitos von einem interessanten Ansatz aus: der Polizist Sotiris (Antonis Kafetzopoulos) will nicht mehr ungerecht sein und nimmt das Recht selbst in die Hand. Er arbeitet auch mit ungesetzlichen Mitteln, hilft aus menschlichen Gründen. Er ist gezwungen, einen Mord zu begehen. Eine Putzfrau Dora (Theodora Tzimou) ist die einzige Zeugin. Ihr fällt ein Umschlag mit Geld in die Hände. Auf interessante Art und Weise werden mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft: lange wortlose Passagen mit reglosen Minen wirken oftmals komisch. Erläuterungen werden später nachgereicht oder man kann sie sich selbst erklären (wie die Anfangssequenz mit der UHU-Tube). Die Kamera ist meistens fest installiert, Orte der Handlung kehren immer wieder, nur mit wechselnden Personen. Gleich die erste Einstellung mit klassischem Klavier unterlegt (später abwechselnd mit Cello oder beidem) produziert von Anfang an eine melancholische Stimmung: Plattenbau, Imbissbude, Bank mit einem Mann, der später runterfallen wird. Karge Dialoge begleiten als verbaler Essenzextrakt das Geschehen. Es verdeutlicht die Unfähigkeit zu Kommunizieren. Szenen wirken abgebrochen, weil den Akteuren die Worte fehlen. Eine Disko vertieft die Verfremdung durch leise Töne und bloßes Trommeln. Bulle Sotiris und Putze Dora werden notgedrungen aufrichtig zueinander, werden aber nicht glücklich. Ihr war nur das Kennenlernen wichtig. So einsam ist und bleibt sie, genau wie er. Gekonnt anders, überraschend ruhig, gedanklich beeindruckend.

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