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Mi, 22.10.2014
TV | Der Eissturm
Eiszeit4 Sterne
Ang Lee ist ein wahres Kunstwerkt gelungen: ein metaphorischer Titel mit Mehrfachbedeutung. Spektakuläre Naturaufnahmen von blattlosen Bäumen und Ästen, die in Eis gehüllt sind. Das gefrorene Wasser erobert Züge, Telefon- und Wasserleitungen, Heizungen fallen aus. Die Welt steht still. Erstarrt. Wir werden wiederholt auf die drohende Naturkatastrophe hingewiesen: erst nur Eiswürfel aus der Box, dann ein Windspiel, das nicht mehr klingt. Es folgen Warnungen im Wetterberichte. Und genau dann entsteht dieses Soziogramm der amerikanischen Gesellschaft unter Richard Nixon, genauer gesagt fällt der Blick auf die Post-Woodstock Generation: die wohlhabende Mittelschicht. Geld verdienen ist kein Problem, so verlegen alle ihr Hauptinteresse auf den Sex. Doch bei allen sozialen Interaktionen herrscht Eiszeit. Die Kids klauen, knutschen und fummeln, die Alten auch, querbeet. Man nutzt sich gegenseitig aus und lässt sich bedenkenlos wieder fallen. Z. B. Janey Carver (Sigourney Weaver) und Ben Hood (Kevin Klein) von der Erwachsenenfraktion. Selbst wenn die zwei im Bett liegen, kann die Hölle zufrieren. Und beim Nachwuchs kuscheln wenigstens Sandy Carver (Adam Hann-Byrd) und Wendy Hood (Christina Ricci) nach ersten exhibitionistischen Annäherungsversuchen. Beim jungen Paul Hood (Tobey Maguire) kann Libbets (Katie Holmes) nur schwesterliche Gefühle entwickeln. Der Höhepunkt der libertären Gags ist das ‘Schlüsselspiel‘ am Ende einer Schlüsselparty, das für den Heimfahrt neue Fahrgemeinschaften verlost. Alle werden aus ihren egozentrischen Tagträumen gerissen als Mikey Carver (Elija Wood), der cleverste von allen, dem Eissturm zum Opfer fällt. Vorübergehende Nachdenklichkeit und Entsetzen machen sich breit. Selten wurden die inneren und die äußeren Verhältnisse so kongenial verbunden, dass optisch eine Kluft entsteht.
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Di, 21.10.2014
TV | Die letzte Versuchung Christi
Jesus als Familienvater4 Sterne
Eines darf man nie vergessen, es ist eine Romanverfilmung (Nikos Kazantzakis) und nicht der übliche Sandalenfilm aus der Antike, der das Alte Testament ins Bild rückt. Und er handelt doch von der Passion Christi. Die Szenen, die wir alle seit Kindertagen kennen sind auch nicht der Stein des Anstoßes gewesen, der militante katholische Demonstranten Ende der 80er Jahre vor die Kinoeingänge trieb, um den Eingang zu blockieren. Es ist ein Gedankenspiel am Ende des Films, das die Ursache für den Skandal war: Jesus (Willem Dafoe) wird von einem Schutzengel (Juliette Caton) vom Kreuz abgenommen, mit der sündigen Hure Magdalena (Barbara Hershey) vermählt und bekommt Kinder. Blasphemie! Teufelswerk! schmähten die Aufgebrachten damals. Es lag eine Scheiterhaufenatmosphäre in der Luft. Zugegeben man sah noch nie Jesus mit einer Frau im Bett Liebe machen – und seitdem auch nie wieder. Die Gegner übersahen völlig, dass sich Jesus mit Judas (Harvey Keitel) ausgiebige Wortgefechte lieferte, der ihn noch auf seinem Totenbett als Feigling bezeichnet, der seine Mission nicht erfüllt habe. Konsequent weiter gedacht würde das nämlich bedeuten: kein Opfer, keine Erlösung. Das wäre der wahre Skandal gewesen: eine Religion ohne Erlösung!? Doch dazu kommt es ja nicht. Jesus muss zurück ans Kreuz und lachend verkünden ‘Es ist vollbracht!‘ Manche Szenen können den gottlosen Zuschauer an ‘Das Leben des Brian‘ erinnern. Da hat sich in den letzten drei Jahrzehnten ganz schön was im Bewusstsein verändert. Und dann lässt Martin Scorsese die letzten Bilder über die Leinwand flackern, die sie aussehen, als sei die Filmrolle aus Zelluloid durchgeschmort. Vielleicht ein Hinweis, dass das alles nicht wirklich stattgefunden hat!?
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Mo, 20.10.2014
Kino | Braut trug schwarz
5 Morde4 Sterne
Das ist ein Klassiker! Da passt alles: vom lyrischen Titel über den spannenden Inhalt bis hin zur Erzählweise. Dazu eine unglaubliche Jeanne Moreau, die als Racheengel einen männermordenden Feldzug führt. Ihr gelingt ihr Vorhaben mit Charme und Intelligenz. Eine Racheparabel: für das was man getan hat, muss man halt irgendwann mal bezahlen. Normalerweise trägt die Braut ja alles andere als schwarz. Hier trägt sie je nach Anlass beides. Die vier Morde plus eins sind abwechslungsreich: vom Balkon geschubst (Claude-D’Artagnans-Tochter-Rich), vergiftet (Michel-die-untreue-Frau-Bouquet), im Kämmerchen unter der Treppe erstickt (Michael-der-Schakal-Lonsdale), vom Pfeil der Diana getroffen (Charles-der-Mann-der-die-Frauen-liebte-Denner) und der letzte (Daniel-Herzkönig-Boulanger): im Gefängnis: ein Schrei und der Hochzeitsmarsch. Fin. Dazwischen enthüllt Truffaut scheibchenweise durch Retrospektiven was da früher einmal vorgefallen war. Leichtsinnigen, gelangweilten Zockbrüdern passiert ein Missgeschick, ein unglücklicher Zufall, ein Unfall. Und damit die Spannung nicht verloren geht, trifft Jeanne wiederholt auf Jean-Claude Brialy, die sie wiedererkennt. Beim Verhör durch die Polizei merkt man, dass es Truffaut nicht um einen Krimi im herkömmlichen Sinne geht. Es ist die Konsequenz aus einer Tat jeweils von beiden Seiten: vom Opfer (der Braut) Jeanne Moreau, die Rache fordert und von den ‘Bösen Buben‘, die zur Rechenschaft gezogen werden. Kann man immer wieder anschauen.
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Sa, 18.10.2014
Kino | September OmenglU
Der Hausverkauf1 Stern
Trotz der prominenten Darsteller ist das Woody Allens langweiligster Film. Endlose Dialoge machen sich breit und bieten kaum Raum für etwaige Handlungen. Ihnen fehlt der so oft gerühmte Witz des Drehbuchschreibers. Es werden Belanglosigkeiten ausgetauscht, die oft haarscharf an Peinlichkeiten vorbeischrammen. Übergangslose Gespräche erwecken den Eindruck der Zufälligkeit und verhindern Kontinuität. Eine fleischlose Liebesbeziehung verdampft in ungewissen Albernheiten, die ins 19. Jahrhundert gehören. Und es gibt viel Leerlauf, den ein Kameraschwenk zu überbrücken versucht, weil es anscheinend nichts zu sagen gibt. Es scheint eine Hommage an Woodys damalige Frau zu sein: Mia Farrow. Das Plakat zeigt nur ihren Kopf. Dabei spielt sie sich nur selber: linkisch, unbeholfen, lebensuntüchtig. Einzig ihre Mutter Diane (Elaine Stritch) fällt mit ihrem Temperament aus dem Rahmen der versammelten Schlaftabletten. Sie nervt wenigstens! Neben ihr versucht noch Stephanie (Dianne Wiest) etwas auf der emotionalen Schiene einzubringen. Doch das Drehbuch lässt ihr kaum Spielraum. Dabei ist das die zweite Crew, mit der Woody Allen versuchte das Drehbuch zu verfilmen. Nicht auszudenken wie der erste Entwurf mit Sam Shepard, Charles Durning und Maureen O’Sullivan ausgesehen hat. Oder die haben den Braten gerochen und sich rechtzeitig verflüchtigt. Der ratlose Zuschauer erwacht in der letzten Viertelstunde als Mutter Diane sich mit ihrer Tochter über den Verkauf des Hauses streiten. Gäähn! Man muss ja auch nicht jedes Jahr (wie 1987) einen Film drehen. Allein der Soundtrack ist an diesem verunglückten Nichts neben so viel heißer Luft Balsam für die Ohren.
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Fr, 17.10.2014
TV | Das bessere Leben
Die Mädels4 Sterne
Den deutschen Titel müsste man mit einem Fragezeichen versehen, denn das ist hier wirklich die Frage ‘Wer führt das bessere Leben?‘ Die Studentinnen Lola (Anais Demoustier) und Alicja (Joanna Klug), die als Nachwuchsnutten jobben oder die sie interviewende Journalistin Anna (Juliette Binoche). Die hat Probleme mit ihrem Mann Patrick (Louis-Do de Lencquesaing) und den beiden Buben, Stress mit der Doppelbelastung und ist sexuell verödet. Der Originaltitel bezieht sich auf das Frauenmagazin Elle. Mit der Mehrzahl meint man aber die Frauen ganz allgemein. Erstaunlich wie Anna im Verlauf der Befragung aufblüht und am Ende die Nutten sogar imitiert. Die haben es auch nicht immer leicht mit brutalen Freiern, die sie schon mal quälen. Im Vergleich scheint es aber doch so, als hätten die Huren die Nase vorn. Sie müssen nur ihre Eltern über ihr Studium etwas belügen. Und meistens macht ‘vögeln‘ ja Spaß. Anna kämpft aber an mehreren Fronten und das ständig. Selbst ihre Mutter (Cameo von Chrystyna Janda, der großen Dame des polnischen Films) bietet ihr keine Unterstützung. Bei der Beantwortung der Titelfrage hält sich Regisseurin Malgorzata Szumowska auffallend zurück. Annas Ausflug in die Nacht weg von der Tafel eines Abendessens wird nicht näher geschildert. Stattdessen sehen wir wie Anna erst mit Freunden tafelt dann mit all den Freiern von Lola und Alicja. Doch so werden wir nicht entlassen. Eine ganz lange Einstellung zeigt Annas Familie beim Frühstück. Was da so alles unter dem Teppich gekehrt worden sein muss!? Diskussionswürdig.
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Do, 16.10.2014
TV | Rückkehr ans Meer
Unreif1 Stern
Kann man ein Filmchen machen, das nur eine nennenswerte Aussage in sich birgt? Man kann. Francois Ozon hat es versucht. Und die Aussage kommt auch noch erst ganz am Ende. Erstmal sehen wir ein heroinabhängiges Pärchen, das sich den goldenen Schuss setzt. Louis (Melvil Poupaud) stirbt, Mousse (Isabelle Carré) lebt weiter, ist aber schwanger. Beide sind in Wohlstand gebettet und so kann sich Mousse in ein Haus am Meer zurückziehen. Ein Zufluchtsort (Originaltitel!) bis zur Geburt des Babys. Weiterhin passiert dann nicht viel am Meer. Der schwule Stiefbruder Paul von Louis kommt zu Besuch. Mousse entbindet, geht mal eine rauchen und lässt Paul mit dem Säugling in der Klinik zurück. Ende. Na sowas!? Ist das unerhört? Soll das eine Überraschung sein? Junkie verlässt Baby, tut das, was eine Mutter normalerweise nie tun würde. Die Mutter ist verantwortungslos? Sie war noch nicht reif, wie sie zu sich selbst sagt, für ein Kind. Hatte es aber behalten, weil sie neugierig war, ob es die Augenfarbe von Louis hat. Wie konnte sich nur die tolle Isabelle Carré in diesen Film verlaufen. Und das brausende Meer ist auch unschuldig. Seine Symbolik für die ewige Wiederkehr oder die Vergänglichkeit der Dinge passt zur Thematik wie der Regenwurm zum Salzwasser. Den Film hat man zu Recht ins Nachtprogramm verschoben. K.V.
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Do, 16.10.2014
TV | The Confession - Das Geständnis
Das Geständnis3 Sterne
Es ist anfänglich ein moralisches Drama um Schuld und Sühne: weil Ärzte und Schwestern seinem kranken Sohn nicht helfen, erschießt wenig später Vater Fertig (Ben Kingsley) drei Krankenhausangestellte, nachdem sein Sohn gestorben war und stellt sich danach der Polizei. Er weiß, dass es falsch war und will dafür büßen. Der karrieregeile Anwalt Bleakie (Alec Baldwin) muss nun gegen seinen eigenen Mandanten argumentieren. Er will auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren, Fertig will bestraft werden. Er glaubt, dass das Gesetz Gottes über dem der Menschen steht und übernimmt für sein Handeln die volle Verantwortung. In der Folgezeit gibt es zwei überraschende Wendungen: ein Umweltskandal mit Korruptionsbeilage wird aufgedeckt und Anwalt Bleakie mausert sich vom Saulus zum Paulus. Der Sinneswandel eines Karrieristen, der noch so ganz nebenbei Frau Fertig (Amy Irving) zufrieden gestellt hat überzeugt allerdings weniger. Außerdem liegen ihm einflussreiche Frauen zu Füßen. Doch all das gibt er einfach so auf ohne einen einleuchtenden Grund und ziemlich plötzlich. Während der mutige Anwalt in die Nacht geht, werden wir mit der Weisheit des Tage entlassen:‘ Es ist nicht schwer das Richtige zu tun. Es ist schwer der Richtige zu erkennen.‘ Und der Titel? Den habe ich nicht als Etikett erkannt. Das war nur der Anfang.
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Mi, 15.10.2014
Kino | A Most Wanted Man
Der Meistgesuchte4 Sterne
Wer John Le Caré kennt, weiß, dass er nicht so der Vertreter von fulminanter Action ist. Er setzt mehr auf Charakterzeichnung und intelligente Spionage. Von daher ist ihm Anton Corbijn vollauf gerecht geworden. John le Carrés Metier ist das der Geheimdienste, die z.T. gegen einander arbeiten z.T. miteinander. Man berät sich täuscht an und schlägt dann doch anders zu und alle Absprachen in den Wind. Und selbst im eigenen Land gibt es mehrere Organisationen, die für die Sicherheit zuständig sind und von einander unabhängig agieren. Da kennt sich John le Carré besser aus, als jeder andere. Schließlich war er ja mal bei so einem Verein. Thematisch ist er in letzter Zeit immer aktuell gewesen. Nach Nine Eleven nimmt er die Dschihardisten ins Visier. Unter Mitwirkung von vielen deutschen Darstellern (Nina Hoss, Daniel Brühl, Herbert Grönemeyer (auch Musik) u.a.) leitet hier Günther Bachmann (Philip Seymour-Hoffman) die nachrichtendienstliche Abwehr. Er bewegt sich dabei zwischen dem CIA unter Martha Sullivan (Robin Wright), einem offiziell untadeligen ‘religiösen‘ Geschäftsmann Abdullah (Homayoun Ershadi), einem Bankier (Willem Dafoe) – denn es geht um viel Geld - einer Nachwuchsjuristin (Rachel McAdams) und dem Tschetschenen Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin). Am Ende wird es dann nochmal richtig spannend und es gibt eine faustdicke Überraschung. In drei Minuten wird die bislang fehlende Action nachgeholt, wenn alle Geheimdienste am gleichen Ort zur gleichen Zeit aktiv werden. Sie wollen Karpov und Abdullah und natürlich die Geldquelle. Der Film vermeidet eine plakative schwarz-weiß Kategorisierung. Ein dreifaches ‘Fuck!‘ von Bachmann sagt alles. Erfolg oder Misserfolg ist eine Frage der Perspektive.

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