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Sa, 07.04.2012
TV | Ben Hur
Anlässlich von Ben Hur4 Sterne
In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten ’Sandalenfilme’ Konjunktur. In der Masse der Produktionen fallen sechs besonders auf, weil sie sich qualitativ von den übrigen deutlich abheben. Außerdem haben sie noch einige Gemeinsamkeiten: Sie thematisieren ganz oder teilweise Bereiche des klassischen Altertums. Nennen wir sie ’Klassische Sandalenfilme’. Dann solche, die sich ganz oder teilweise mit Stoffen aus dem Alten Testament beschäftigen. Nennen wir sie ’Biblische Sandalenfilme’. Beide Kategorien haben viele Gemeinsamkeiten: sie sind oftmals oscarmässig gut unterwegs, haben zahlreichen Stars als Trittbrett für späteren Weltruhm gedient und haben in der Regel häufig muntere Geschichtsklitterung betrieben. Wenn ich das alles bedenke, möchte ich wie gesagt sechs nennen: der erste war ’Quo vadis’ (1951). Das geübte Auge erkennt spätere Weltstars in kleinen Nebenrollen (z.B. Elizabeth Taylor, Bud Spencer). Dann folgen ’Das Gewand’ und der 2. Teil ’Die Gladiatoren’. Drittens ’Ben Hur’. Wohl wegen des spektakulären Wagenrennens. Schließlich noch ’Spartakus’ mit dem zahlenmäßig größten Aufgebot an Weltstars. Den Abschluss bildet bezeichnenderweise ’Der Untergang des Römischen Reiches’, düster, schwermütig, ein Abgesang. Alle haben sie unsere Fantasien angeregt, uns für Stunden in versunkene Welten entführt und mit großem Interesse haben wir das Geschehen verfolgt, egal ob wahr oder nicht. Diese beeindruckenden Impressionen konnte nur der Film liefern. Den Gebrüdern Lumière sei Dank.
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Do, 05.04.2012
TV | Hunger
Körper als Waffe4 Sterne
Bei der Darstellung des erfolgreichen Hungerstreiks des IRA-Mannes Bobby Sands in den 80er Jahren geht der Film von Steve McQueen (der heißt wirklich so) weit über die Schmerzgrenze hinaus. Er verstärkt die Wirkung durch lange wortlose Einstellungen mit düsteren Bildern in drei sehr unterschiedlichen Teilen: 1. Entwürdigende Maßnahmen durch das Wachpersonal an den IRA Männern: Prügelorgien, echter Spießrutenlauf, Untersuchungen aller Körperöffnungen etc. Gut, dass es kein Geruchskino gibt. Ein Schocker beendet diesen Teil, der insgesamt ohne viele Worte durch äußerst brutale Aktionen beeindruckt. 2. Bei statischer Kamera ein längerer Dialog zwischen Bobby und einem Anstaltspfarrer. Hier hinterfragen beide Seiten geistreich und tiefgründig die Gegenseite und konfrontieren sie mit der eigene Position. Unter anderem ‘Ist Hungerstreik Mord oder Selbstmord? 3. Körperlicher Verfall des Hungernden, Qualen der Abmagerung (Michael Fassbender ist echt klapperdürr). Wortlos wird der langsame Sterbeprozess geschildert. Das ist nicht nur für den Schauspieler mit unheimlichen Schmerzen verbunden. Man begreift die fanatische Verbohrtheit der Aktivisten und staunt über die Konsequenz ihres Handelns. Der erste und der letzte Teil beeindrucken durch realitätsnahe Brutalität und Grausamkeit des Sterbens, der Mittelteil dient der intellektuellen Aufarbeitung des Themas. Zusammengenommen ergibt das einen starken Film.
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Mi, 04.04.2012
TV | Nanga Parbat
Weiße Hamster1 Stern
Wenn eine Aneinanderreihung von bewegten Bildern ein Film ist, dann ist das Produkt von Joseph Vilsmaier einer. Wenn sich dahinter auch noch ein Sinn mit einer klaren Aussage oder die Intention des Regisseurs verbirgt, kann es ein guter Film sein. Das ist hier schon weniger der Fall. Der Tod und die genauen Umstände vom Tod des Messners Bruders Günther bleiben unklar. Darüber gab es doch seinerzeit einen riesigen Medienhype. Wollte oder konnte sich Vilsmaier hier nicht festlegen? Und wenn es schließlich dann auch noch zu einer gewissen Dramatik verbunden mit Tragik in einem Film kommt, kann das emotional packend und spannend sein. Diesbezüglich handelt es sich hier allerdings um eine Fehlanzeige. Die Kamera fängt lediglich wunderschöne Landschaftsbilder ein. Dabei geht aber leider der Progress der jeweiligen Lokalität verloren, in der sich die Bergsteiger befinden. Luftaufnahmen wechseln sich mit Aufnahmen aus dem Studio ab, man verliert im totalen Weiß den Überblick und fragt sich, ob die Jungs jetzt doch schon in Stückchen weiter oben sind oder ist es der Hamster-auf-der Rolle-Effekt?! Das einzig Bemerkenswerte ist dann noch der Gegensatz zwischen den Bergsteigern droben am Berg und der Leitung im Lager. Die drunten sind aber eine Mischung aus, Berg Fans, Neurotikern und Knalltüten. Dabei aber keineswegs spaßig. So fesselnd wie ein Teller Mus, nur kälter. K.V.
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Di, 03.04.2012
TV | Intime Fremde
Ein viel zu intimes Vertrauensverhältnis4 Sterne
Patrice Leconte hat die Fähigkeit, aus einer kleinen Idee einen abendfüllenden Film zu machen. Hier ist es die Verwechslung von einem Psychiater mit einem Steuerberater, die einer Klientin unterläuft. Die beiden Darsteller in diesem Fast-Zweipersonenstück sind Sandrine Bonnaire und Fabrice Luchini, der mit eindrucksvollen, großen Augen erstaunt schweigen und zuhören kann. Und das ist eines der Geheimnisse, warum es zwischen den beiden funkt, weil das heute offenbar eine selten gewordene Fähigkeit ist. So ist der Motor für die sich entwickelnde Beziehung ein gegenseitiges Interesse, das aus einer Einsamkeit heraus entstanden ist und das gezielt mit einem wunderbaren Wilson-Pickett-Song unterlegt ist. Auch die Nebenfiguren werden pointiert charakterisiert, egal ob Ehemann (gefährlich Gilbert Melki) oder Ex-Freundin Jeanne (ironisch Anne Brochet), ihr gegenwärtiger Lover ein etwas schlichter Muskelprotz oder die etwas ältere Sekretärin. Die angetäuschte Therapiesitzung wird zum persönlichen Plausch, die Akteure verändern sich nicht nur äußerlich. Von allen Seiten hagelt es Ratschläge wie ‘Weg mit ihr oder drauf mit dir!‘ oder ‘Die Liebe ist eine unheilbare Krankheit‘. Nach einem kurzen Intermezzo gibt es dann ein versöhnliches Ende ohne den obligatorischen Kuss oder das Betthupferl. Nett und liebevoll aber nicht zu süß, ein Neuanfang eben.
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Di, 03.04.2012
TV | Der Dialog
Der Abhörspezialist2 Sterne
Der große FFC hat hier sein Lieblingskonstrukt verwirklicht. Mit stringenter Minimalistik und einer fast ständig das Objekt umkreisenden Kamera versucht er eine kafkaeske Atmosphäre zu kreieren. Das ist der Abhörspezialist Harry Caul (Gene Hackman). Der gibt sich wortkarg, und so erfahren wir auch fast nichts über ihn. Ein Telefonat, ein vergeblicher Besuch bei seinem Chef, Wort- und Bildfetzen. Lange wird belauscht und beobachtet. Die Gefahr, in der Harry angeblich schwebt ist nur schwer nachvollziehbar. Anscheinend viel zu geheim. Die Jury in Cannes fand das alles preiswürdig. So scheint der Film wohl eher ein Stück für Sammler zu sein oder für FFC-Fans. Selbst mit dem Wissen über tatsächliche Abhörskandale im Hinterkopf und dem Schutz der Privatsphäre sowie die aktuelle Thematik von beidem in den 70er Jahren scheint der Film weder gedanklich noch optisch ein Leckerbissen zu sein. Das Stilmittel der kreisenden Kamera nervt auf Dauer, die nicht stattfindenden ‘Dialoge‘, die Licht ins Dunkel bringen könnten, schaffen Frust, der durch das Chaos-Ende noch verstärkt wird.
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Mo, 02.04.2012
TV | The Grifters
Trickbetrüger4 Sterne
Es beginnt als lockere Komödie mit einem superlockeren Trio in den Hauptrollen: John Cusack zwischen zwei Frauen. Eine lustige Annette Bening, so freizügig und offenherzig wie sonst nie und eine undurchsichtige, gefährliche Anjelica Huston, die es offen lässt, ob sie Mutter oder eifersüchtige Geliebte ist. Ganz plötzlich schlägt die Handlung in brutale Gewalt um, auch und vor allem gegen die Frauen. Ob man es mag oder nicht, das ist nun mal so im Gangster-Milieu. Und die Spannung steigt. Das macht Frears genial. Es ist vielleicht nicht sein bester, aber dennoch ein meisterlicher Film. Er zwingt den Zuschauer gegen Ende das Halbdunkel zu durchschauen. Die Atmosphäre wird immer dichter und düsterer, im wahrsten Sinne des Wortes. Da sind die Akteurinnen nicht leicht auszumachen. Dabei bleibt lange unklar welche der beiden Frauen die andere gemeuchelt hat. Nur wer genau hinschaut erkennt frühere als andere, wer die Leiche ist. Und dann der Schluss: ein unerwarteter Knüller und der Botschaft ‘Das Leben geht weiter‘. Hart und gekonnt gemacht. Jenseits von Moral und Wohlfühlgefühl.
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So, 01.04.2012
TV | Die Fahrten des Odysseus
Geliebter Held3 Sterne
Ein Klassiker aus der guten alten Mottenkiste von Cinecitta (1954). Die ganze Machart und die etwas antiquierten Dialoge passen zum antiken Stoff des Dichters Homer. Von den jahrelangen Irrfahrten werden drei Abenteuer herausgearbeitet: die beim einäugigen Zyklopen Polyphem, den Sirenen und der Zauberin Circe. Sylvana Mangano spielt interessanterweise eine Doppelrolle: die der lüsternen und bösen Zauberin und Penelope, die treue Frau des Odysseus. Ein zeitloser, symbolischer Dualismus bezüglich der Rolle der Frau. Selten haben die Augen von Kirk Douglas feuriger geglänzt als hier. (Bei stürmischen Küssen gilt für Gebissträger höchste Vorsicht.) Der häufige Szenenwechsel schwenkt von den Fahrten des Helden zu seiner Heimat Ithaka. Er gibt den Helden als einen Rastlosen, einen Suchenden aber auch einen Nachdenklichen, der den Verlockungen der Welt widersteht. So steuert die Handlung auf den dramatischen Höhepunkt zu. Hier tötet Odysseus alle dreisten Freier bevor er Penelope in die Arme schließen kann. Das Ende ist etwas zu pathetisch und theatralisch, aber so waren sie nun mal die Helden der Antike.
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So, 01.04.2012
TV | Der Kuss vor dem Tode
Matt als Mörder1 Stern
Schon der Roman von Ira Levin war hanebüchen und völlig daneben, voller Ungereimtheiten und absolut spannungsfrei, von der moralischen Warte aus betrachtet eher fragwürdig. Es war vielleicht in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Markt für so eine Geschichte vorhanden: sozialer Aufstieg durch mehrere Morde und Robert Wagner war damals als Frauenmörder wirklich klasse, aber wieso James Dearden den jetzt nochmals verfilmt hat, weiß der Himmel. Matt Dillon spielt den Sozialkiller emotions- und lustlos. Nur ganz kurz wird die Spannung zwischen ihm und der einen noch lebenden Carlsson-Tochter mal erahnbar, versinkt aber schon bald in unlogischen Situationen, die wohl für Überraschung sorgen sollten. Selbst der große Max von Sydow als Großunternehmer Thor Carlsson wirkt wie eine aufgezogene Marionette: stocksteif, ein lebender Untoter. Besonders das sich entscheidend ändernde Verhalten der einen noch lebenden Zwillingsschwester (farblos Sean Young) löst Kopfschütteln aus. Und bei dem Schluss kann man höchstens noch über den Güterzug als Mörder, der die Aufschrift Carlsson trägt schmunzeln. Ein Remake, das die Welt nicht braucht. K.V.
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So, 01.04.2012
TV | Denn zum Küssen sind sie da
Spannung pur4 Sterne
Der Film lebt von der Spannung und die ist von der ersten bis zur letzten Minute recht hoch. Es gibt jede Menge spektakuläre Action und zwei tolle Hauptdarsteller: die schöne Ashley Judd als gequältes, aber auch sich befreiendes Opfer und Morgan Freeman, der wie immer Ruhe und Vertrauen verbreitet. Die Atmosphäre im Verließ, wo die Frauen für den Mörder in stimmungsvoller Umgebung z.B. Geige spielen müssen vergisst man nicht so schnell. Die Spannungskurve zeigt in deutlich unterscheidbaren Stufen steil nach oben. Und wenn der Fall schon gelöst zu sein scheint, setzt Regisseur Gary Fleder noch einen drauf. Der finale Rettungsschuss durch die Milchtüte ist auch nicht schlecht. Manche Hindernisse werden recht zügig überwunden, sind so quasi als Verschnaufer eingeschoben, aber das fällt nicht besonders ins Gewicht, denn die Handlung hetzt schon weiter. In jeder Hinsicht überzeugend, obwohl das Thema vom abartigen Frauenkiller ja nicht neu ist. Hier kann man die Ermittlungen gut nachvollziehen und ist mit Freeman stets auf der Höhe des Geschehens. Und auch der geschickte Schnitt enthüllt logisch was Sache ist, lässt Parallelen laufen und schafft Tempowechsel.
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Fr, 30.03.2012
TV | Unsere Welt war eine schöne Lüge
Papa der Lügner3 Sterne
Im Mittelpunkt steht das schmerzhafte Erwachsenwerden von Tochter Sonya, (Fairuza-Valmont-Balk) die mit ihrem Vater (Harvey Keitel) und einer kleineren Schwester aufwächst. Der Witwer ist nicht nur ein Träumer und Loser, manche würden ihn einen Blender nennen, sondern auch ein Lügner und Krimineller. Das wird gefühlvoll in dunklen Bildern erzählt. Besonders die Entwicklung, in der Sonya das wahre Gesicht ihres Vaters erkennen muss, wird eindrucksvoll bis an die Tränengrenze geschildert. In ständigen Auseinandersetzungen wirft Sonya ihrem Vater Egoismus und Verlogenheit vor und zwingt ihn am Ende sogar zu einer gewissen Selbsterkenntnis. Der Vater wird sukzessive demontiert und auf seine Mittelmäßigkeit reduziert. Keitel schafft es, ihm seine Würde zu lassen und Balk schwankt gekonnt zwischen der Liebe zum Vater und der sich rasant ändernden Welt, in der er lebt, hin und her. Der Off-Kommentar lehnt sich eng an die autobiographische Vorlage von Sheila Ballantyne an und verleiht den überzeugenden Darstellern eine zusätzliche Qualität. Sonya ist inzwischen literarisch tätig. Von ihr wird die Frage gestellt, ob ein Schwindler zu echter Liebe fähig ist oder nicht? Und über ihren Vater meint sie ‘Er beobachtet seine Träume und sieht, wie sie sich auflösen‘. Ernst, ernsthaft und nachdenkenswert.

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