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Do, 29.03.2012
TV | Oberst Redl
Das Ende3 Sterne
Es ist nicht Istvan Szabos bester Film, was vielleicht mitunter auch an der Thematik liegen könnte. Aber zunächst beeindrucken den Zuschauer die grandiosen Bilder, die mit einem gewissen düsteren, morbiden Flair die Atmosphäre in der Endphase der k.u.k. Monarchie verdeutlichen. Abgesehen von den typischen Merkmalen jener Zeit wie dem Antisemitismus, dem Duell, den Privilegien einer Adelsgesellschaft, Standesdünkel, der mit der gewohnten Arroganz daherkommt, aber auch laszivem Sex und ausgiebigen Saufgelagen, steht ein Karrierist im Mittelpunkt. Klaus Maria Brandauer ist wie immer superb. Sein Ende ist eine schauspielerische Glanzleistung der Extraklasse. Er kann enttäuschten Ehrgeiz, tiefsitzenden Frust, Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit ausdrücken, als für ihn eine Welt zusammenbricht. Ironischerweise erleidet seine Gallionsfigur Kronprinz Franz Ferdinand (Armin Müller-Stahl) ein ähnliches Ende, der Redl nach missglückte Aktion wie eine heiße Kartoffel behandelt. Im Gegensatz zu heute war damals Homosexualität ein anrüchiges Verbrechen. Redl wird uns bisexuell geschildert. Das verschlimmert seine Lager erheblich. Er, der ‘fast nie geschlafen, kaum gegessen und immer gearbeitet hat‘ fällt sich selbst zum Opfer. Szabo schafft es, dass man glaubt den finalen Schuss zu hören, noch bevor er fällt. Aber bis dahin strapaziert er unser Durchhaltevermögen durch lange Dialoge mit Fachsimpelei für Insider.
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Mi, 28.03.2012
TV | Eve und der letzte Gentleman
Adam und Eve3 Sterne
Der Film karikiert auf recht amüsante Weise die Furcht der 60er Jahre, als man einen Strahlenschutzbunker als letzten sichersten Zufluchtsort erfand. Hier überlebte Familie Webber über Jahrzehnte einen angeblichen Atomschlag. Vater (Christopher Walken), Mutter (Sissy Spacek) und Sohn Adam (Brendan Fraser), der nur das Bunkerleben kennt, weil hier geboren und aufgewachsen. Wie die Zeit vergeht merkt man an der Musik: Perry Como, Beach Boys oder Village People. Die Komik kommt mit dem Aufeinandertreffen zweier Welten, zwischen denen 35 Jahre liegen. So erhält die erste Begegnung einen religiösen Unterton durch Chorgesang und (Gott)vater, Mutter und Sohn. Man erfährt die heutige Zivilisation neu, weil nichts selbstverständlich ist. ‘Die Figuren wirken wie aus Akte X‘, sagt einer. Die Welt ist aggressiver und unappetitlicher geworden. Brendan Fraser spielt den Sohn sympathisch ahnungslos in Richtung Forrest Gump. Aber Eve (Alicia Silverstone) überragt alle durch ihr erfrischend überzeugendes Talent. Sie muss zwischen Ablehnung und Eifersucht hin und herschwanken, zwischen einer Professionellen und einer echt verliebten Partymaus. Gegen Ende geht es in Richtung Märchen und die Botschaft ist: Man kann im Bunker unterirdisch zwar überleben, aber leben kann man eigentlich nur auf der Erde. Der deutsche Titel ist etwas nostalgisch und langatmig. Das Original ist griffiger und reimt sich auch noch, was wir so nicht nachahmen können. Alles in allem nett, amüsant und sehr unterhaltsam.
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Di, 27.03.2012
Kino | Der Mann, der niemals lebte
Leos Plan2 Sterne
Über 90 Minuten werden wir mit dem relativen spannungsarmen Vergleich gefüttert zwischen einem coolen Schreibtischtäter (Russell Crowe), der fern ab von jeglicher Gefahr Agenten dirigiert und einem solchen (Leonardo DiCaprio), der vor Ort seinen Hals riskiert. Trotz heftiger Gefechtsszenen, einem exotischen Ambiente und den beiden überzeugenden Akteuren will der Funke nicht so recht überspringen. Wenn nicht in der letzten halben Stunde noch eine Schippe draufgelegt würde, könnte man das Ganze vergessen. Deshalb wurde auch noch eine etwas distanzierte Liebesgeschichte eingeschoben und so erhält Leos Plan zusätzlichen Schub, obwohl er dann doch nicht von Erfolg gekrönt ist. Ironischerweise mögen die arabischen Kids lieber Hamburger und Spaghetti und ein hochrangiger Folterknecht meint so ganz nebenbei zu Leo „Die Kavallerie wird nicht kommen!“ (Wir kennen das aus vielen Western!) Und dann kommt sie doch. Überraschung!? Mittelprächtige Unterhaltung, die einen nicht vom Hocker haut, weil alles einfach viel zu glatt geht. Und der Originaltitel ‘Lügengebäude‘ trifft den Kern der Sache besser als der deutsche, der sich in die endlose Titelreihe einordnet mit ‘Der Mann, der…‘ Und da gibt es tolle und weniger tolle Filme. Der hier gehört zur letzteren Kategorie.
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Mo, 26.03.2012
TV | Long Island Blues
Borreleose in der Familie3 Sterne
Der Film wirkt irgendwie sonderbar. Das liegt zum Teil daran, dass Bedeutsames nur angedeutet und der Zuschauer am Ende mit dem fatalen, wortlosen Finale alleingelassen wird. Und auch die latente Aggression taucht nur mal kurz auf. Die braun-grüne Farbgebung ist gewöhnungsbedürftig, entspricht aber voll dem Zeitgeist der 70er Jahre. Dies wird atmosphärisch durch die typische Musik aus dieser Zeit untermauert. Hier wechseln die Renner wie Sinatra und Bob Dylan mit tra-la-la-mäßigen Klangfolgen. Dieses irritierende Gesellschaftsbild ist nicht entstanden, damit man sich dabei wohlfühlt. Man kann vielmehr über das Erwachsenwerden der Kids (verstörend unbeholfen Rory Culkin und zickig nett Emma Roberts), die oft viel ehrlicher sind als die Alten, nachdenken. Der Humor beschränkt sich auf jugendliches Schlucken im Beichtstuhl oder mit der Verwechslung von ‘Balkankrieg‘ mit ‘Falklandkrieg‘. Der wirtschaftliche Erfolg ist diametral dem ehelichen Elend entgegengesetzt. Die Generation der Eltern reibt sich im ehelichen Streit und im Seitensprung auf und ist bei aller Gier nicht glücklich. Ebenso ergeht es dem Zuschauer. Es überwiegt der Ernst des Lebens. Dabei kann der melodiöse Song beim Abspann mit seiner leisen Ironie unbemerkt untergehen: ‘Wir stranden auf einer einsamen Insel, das Schicksal lacht uns an, wir fliegen so hoch, dass wir uns die Flügel verbrennen…‘
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Fr, 23.03.2012
TV | Die Klavierspielerin
Abartige Liebe4 Sterne
Ein echter Haneke. Schockierend abartig, aber durchaus realistisch und sogar logisch in seiner Konsequenz. Für viele eine Zumutung. Elfriede Jelinek lieferte für das kaputte Liebesdrama die Vorlage. Ansatz ist das sonderbare Mutter-Tochter Verhältnis. Isabelle Huppert beeindruckt wieder einmal, hier durch anschauliche Verdeutlichung einer fehlgeleiteten Liebesfähigkeit. Zwischen Mutter (Annie Girardot) und ihrer Tochter gibt es auch Gewalt, die im Verhältnis zum Liebhaber (Benoit Magimel) eine Fortführung erfährt. Alle drei erfahren das genaue Gegenteil von aufrichtiger Zuneigung. Dabei gibt es eine in sich stimmige Steigerung, in der sich Gewalt als letzte Vollendung von Sex manifestiert, nachdem eine sadistische und masochistische Phase durchlebt wurde. Die Tochter schwebt zwischen ihrer Mutter und dem jungenhaften Liebhaber hin und her und vermischt Abhängigkeit und Dominanz durch selbst erlittene und anderen zugefügte Qualen. Und der junge Mann reagiert erst mit Verachtung, dann doch mit willenloser Hingabe und Gewaltbereitschaft. Eine ausweglose Tragik, bei der selbst eine Behandlung keine schnelle Lösung bringen kann. Das ist teilweise optisch und psychologisch schwere Kost. Dagegen sind die Mainstream-Horrorstreifen nur bunte Seifenblasen.
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Mi, 21.03.2012
TV | Der Boxer
Magie und Danny Boy4 Sterne
Jim Sheridan, der wegen seiner emotionalen Darstellungsweise von vielen so geschätzt wird, hat hier sein großes Talent erneut unter Beweis gestellt. Und mit einer verblüffend befreienden Wendung am Ende noch einen drauf gesetzt. Er hat in den seit Jahrzehnten schwelenden Nordirlandkonflikt eine der aufwühlendsten Liebesgeschichten platziert, die von den beiden Hauptdarstellern Daniel Day-Lewis als Danny und Emily Watson als Magie hervorragend umgesetzt wird. Von den authentisch wirkenden Kollegen sei nur Ken Stott als trinkender Trainer und Opfer erwähnt. Und die musikalische Untermalung von Gavin Friday spielt mit ihrer dünn-melodiösen Themenführung voll auf der Klaviatur der Gefühle. Sie schmiegt sich wohltuend schmerzhaft ins akustische Gedächtnis. Die herzzerreißende Brutalität, der die Liebenden ausgesetzt sind, geht unter die Haut. Hier ist physische und psychische Gewalt in packende Bilder umgesetzt, zwei Einzelschicksale vor dem Hintergrund großer politischer Ereignisse. Unter anderem geht es auch um die Frage, kann man sein eigenes Leben neu beginnen, losgelöst von der Vergangenheit? Vieles deutet auf die Unlösbarkeit des irischen Konfliktes hin, wobei sich für die Liebenden als Optionen nur Tod oder Wahnsinn anbieten. Schockierend, packend, emotional, realistisch. Großartiges Kino!
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Di, 20.03.2012
TV | Ein Augenblick Freiheit
Festung Europa4 Sterne
Der Film beschreibt Emigrantenprobleme. Drei Gruppen machen sich auf ganz unterschiedlichen Wegen auf in die Türkei und versuchen von da nach Europa zu gelangen. Gleich die erste Szene verdeutlicht, wie eng die tödliche Bedrohung und ihr Überwinden mit kindlichem Mutterwitz liegen. Man sieht recht realistisch die Schwierigkeiten der Flüchtlinge vor Ort. Die Handlung wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, unter anderem auch aus dem der Kinder. Sogar für Komik ist Platz. Dabei denke ich nicht nur an die bei einer Razzia im Hotel herumfliegende Schwanenfeder… Ganz allgemein kämpft hier Ungewissheit mit dem Prinzip Hoffnung. Es gibt Nachdenkenswertes und Informatives, Anlass zu Frust und Verzweiflung. Und es wird ohne zu werten erzählt. Die Angst kommt rüber ganz ohne Theatralik. Das Schicksal der ‘Schutzflehenden‘ ist berührend in ihrem tragischen Ausmaß. Und das Ende bestätigt dann wohl auch die Statistik: eine der drei Gruppierungen schafft es, ein anderes Mitglied begeht Verbrennungssuizid und einer wird erschossen. Aber so ist wohl leider die Realität. Kein Ruhmesblatt für die Festung Europa. Ebenso wenig wie die stille Duldung der Aktivitäten des iranischen Geheimdienstes in der Türkei.
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Mo, 12.03.2012
TV | Kick It Like Beckham
Jess und Jules4 Sterne
Der titelgebende Fußballheld der 90er Jahre muss hier nur als Aushängeschild herhalten. Heute verdient er wohl seine Millionen eher als Werbeträger. Es reicht, um das Interesse der Zuschauer zu wecken. Und die werden nicht enttäuscht. Die locker flockige Inszenierung lässt einen die tragischen Aspekte der Integration glatt vergessen. Der Film lebt von diversen Gegensätzen. Die von zwei Kulturen: hier die indische Tradition und da die moderne englische Lebensweise. Wobei nach allen Regeln der Kunst mit gängigen Klischees gespielt wird, wenn es um Wertvorstellungen geht. Heiraten oder Karriere, Gehorsam oder Respekt. Dann zwei Mädels (Keira Knightley und Parminder Nagra), die sich zwischen Freundschaft und Rivalität entscheiden müssen. Die Komik liefern die hilflosen Mütter, die Dramatik die Töchter. Nicht nur Fußballfans können sich an den schnell und gut geschnittenen Ausschnitten des Spiels erfreuen. Es gibt auch noch optische Spielereien aus der Fantasiewelt der Akteure, die den Spaßfaktor erhöhen. Alles gipfelt in einer Parallelhandlung von Fußball und Hochzeit. Auf diese Weise kommt auch noch etwas Spannung auf. Und dann findet Regisseurin Chadha eine integrationsgerechte Lösung mit zwei Siegerinnen. Im Vergleich mit anderen Filmen über Integration hat dieser hier einen hohen Unterhaltungswert.
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Sa, 10.03.2012
TV | Nylons und Zigaretten
Starke Kriegsbräute4 Sterne
Der Film wirft einen anderen Blick auf das Kapitel der siegreichen US Army in Europa. Der Titel bezieht sich auf das begehrte Objekt der Begierde vieler Mädels – fast die illegale Schwarzmarktwährung nach dem Krieg. Nach einer lebensfrohen und sogar recht witzigen Anfangsphase, in der die Kriegsbräute auf ihr Leben in den Staaten vorbereitet werden, konzentriert sich die Handlung auf drei von ihnen: Jeannette: Mireille und Marie-Thérèse (Adélaide Leroux, Salomé Stévenin und Mélodie Richard). Ihre Erfahrungen und Schicksalsschläge werden realistisch aber nicht ohne Emotionen dargestellt und veranlassen sie die rosarote Brille abzunehmen. Es folgt eine ruhige Phase der Selbstfindung und der Versuch einen neuen Anfang zu machen – auch in Amerika. Auch die Reaktionen der französischen Landsleute gegenüber den vermeintlichen 'Amihuren' werden kurz aber prägnant geschildert. Es sind vor allem Spott und Zudringlichkeiten. Was einst als die Erfüllung eines Traum galt, lässt sie danach in der Realitiät aufwachen und straucheln. Aber sie stehen immer wieder auf. Am Ende macht ein französicher Spaßmacher das letzte Rennen. Er hat die Eleganz im Blut – ein echter Frauenversteher eben. Der Film beeindruckt durch schwungvollen Witz, authentischen Charme und echte Gefühle.
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Fr, 09.03.2012
TV | Kikujiros Sommer
Masaos Ferien3 Sterne
Regisseur Kitano hatte wohl richtig Lust, diesen ausgelassenen Film zu drehen. Er übernahm auch gleich die Hauptrolle und zeigt sich hier von seiner humoristischen Seite. Wir erfahren erst ganz am Ende, dass er Kikujiro heißt, der mit dem kleinen Masao (Yusuke Sekiguchi) wunderbare Ferien verbracht hatte. Beide sind auf eine abenteuerliche Reise zu Masaos Mutter gegangen. Dabei kommt es nicht auf das Zusammentreffen von Mutter und Sohn an, denn der Weg ist das Ziel. Die beiden unterschiedlichen Figuren durchleben ungewöhnliche Situationen mit skurrilen Gestalten. Manche davon sind so unwirklich abgehoben, dass sie nur der Fantasie eines Kindes entsprungen sein könnten. Kikujiro geriert sich als eine Mischung aus Simplizissimus und einer etwas verschlankten und deswegen auch geschwächten Ausgabe von Bud Spencer. Begleitet von einem eigenartigen Witz der ebenso wie der versteckte Charme des Ganzen etwas gewöhnungsbedürftig ist, fallen beide mehrmals aus dem Rahmen der üblichen Erwartungen, weil ihr Verhalten nicht den herkömmlichen Denkschemata entspricht. Wir sehen bisweilen eine verkehrte Welt. Ein Ferienspaß der etwas sonderbaren Art.

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