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Fr, 23.09.2011
TV | Vorname Carmen
Der Banküberfall3 Sterne
Unter den zahlreichen Bearbeitungen des Carmen-Themas ist die von Godard wohl die freieste, d.h. die mit der größten Distanz zum Thema. Nur wenn man mit dem Stoff vertraut ist, kann man Anklänge an die Vorlage registrieren. So sagt Carmen zu einem ihrer Männer „Wenn ich dich liebe, bist du erledigt“ oder es wird schon mal eine Melodie gepfiffen, die man aus der Oper kennt. Meistens allerdings ist Kammermusik unterlegt und die nervt auf die Dauer ganz schön. Es wäre unerträglich, wenn nicht Tom Waits eine Einlage geben würde. Das ist Balsam für die Ohren. Dass Godard der Handlung einen Banküberfall zugrunde legt, ist seine Version. Immer wieder rauscht die Meeresbrandung dazwischen. Manche Szenen sind ungewöhnlich, weil die Darstellung aus dem Rahmen fällt. Und es gibt für 1983 recht freizügigen Sex unter der Dusche oder Sonderbares von Carmen auf der Herrentoilette. Die unterschiedlichsten Szenen werden von der Titelfigur (Maruschka Detmers) verbunden. Sie ist fast immer im Bild. Sie macht die beiden Männer an. Ihre Zerrissenheit verdeutlichen zwei hintereinander gesprochene Sätze „Machen sie, dass sie wegkommen. Machen sie mich an.“ Vielleicht entdeckt man die Genialität von Godard, der hier selbst den Onkel von Carmen spielt, erst beim zweiten Mal, weil man zuvor von der absonderlichen Bilderfolge erschlagen worden war.
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Do, 22.09.2011
TV | Rastlos
Rastlos3 Sterne
Ein typischer Amos Kollek-Film, der doch aber auch etwas untypisch ist. Es fehlt das Markenzeichen: der Knaller am Anfang. Und auch ein sonst üblicherweise thematisierter Loser in der Großstadt (New York) trifft hier nur bedingt zu. Dafür steht ein typisches israelisches Thema im Mittelpunkt und das wird sehr komplex geschildert. Es erstreckt sich von Israel bis in die USA und ist letztlich ein Vater-Sohn Drama der verpassten Gelegenheiten. Alle sind – wenn auch nicht gleich erkennbar um Wiedergutmachung bemüht. Der Vater, Moshe, hat sich in New York schlecht und recht eingelebt und ist kein echter Loser mehr. Nur sein Sohn Tzach fehlt ihm und eine Frau. Seine Auseinandersetzung mit seiner Heimat findet auf der Bühne statt. Hier geißelt er gnadenlos die Politik Israels. Regisseur Kollek darf das, ohne als Antisemit gebrandmarkt zu werden. Und das nutzt er schamlos aus. Neben dieser Problematik geht es aber auch noch um Zuneigung und Wärme, was für den etwas kantigen Moshe nicht leicht zu finden ist. So bewegt sich der Film auf drei Ebenen, die alle recht ausgewogen daherkommen: eine für die politische Satire auf der Bühne, eine für den schmutzigen Alltag des Helden, auf der er sich so durchschlägt und dann noch eine emotionale, die besonders überrascht und Tiefenwirkung hinterlässt. Nie langweilig, teilweise brisant.
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Mo, 19.09.2011
TV | Camille Claudel
Die große Muse4 Sterne
Ein eindrucksvolles Porträt einer vergessenen Bildhauerin, die unter dem Schatten vom großen Rodin (Gérard Depardieu) völlig untergegangen ist. Anfänglich als Muse gedacht, entwickelte sie sich zur eigenständigen Künstlerin. Isabelle Adjani verleiht der Figur einen beeindruckenden Ausdruck. Sie leidet wie ein Tier, ist bockig-trotzig wie ein kleines Kind, emotional aufbrausend und schafft wirklich Großes. Ungeachtet ihrer eigenständigen künstlerischen Fähigkeiten ist sie eine starke Frau gewesen, die an der Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe zum großen Meister und an der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung gescheitert ist. So wandelte sich der Frust langsam in Wahnsinn. Es wird aber auch deutlich, dass sie sozial nicht so kompatibel wie Rodin war. In mancher Hinsicht mutet Camille sogar modern an. Sie kommt mal als Clown, mal als ausgeflipptes Frauenzimmer daher. Und ihre Plastiken? Die, die wir im Film sehen, können durchaus neben denen des Übervaters bestehen. Sie sind weniger glatt, dafür zerrissener, aufschreiender oder anklagender. Die stellt sich natürlich niemand in den Salon. Außerdem ist es auch ein Psychogramm einer Frau, die, obwohl äußerlich selbstbewusst und eigenständig, innerlich zart und verletzlich bleibt. Und so war es damals im Leben vielleicht wie heute unter den beiden Titelhelden: neben dieser Leistung der Adjani verblasst sogar die des großen Depardieu im Film.
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Sa, 17.09.2011
TV | Gottes vergessene Kinder
Sprache erleben3 Sterne
Es hätte eine Schmonzette werden können. Das haben aber zwei Dinge verhindert: die beiden überragenden Schauspieler vor allem Marlee Matlin, die sich zwar selber spielt, aber dennoch als verletzte Seele überzeugt und William Hurt, der ihr keineswegs nachsteht. Außerdem ist das Drehbuch entscheidend. So wurde es keine bloße Lovestory zwischen einem so genannten ’Normalen’ und einer Gehörlosen. Es werden Tiefen ausgelotet, die bis in die Kindheit zurückreichen. Wir erfahren von den Schwierigkeiten, den anderen zu lieben, ohne ihn zu beherrschen und sehen welchen Mut es braucht, diese heikle Situation zu meistern. Hier wird deutlich, welche existenzielle Bedeutung die Sprache hat. Die Liebe zwischen den beiden ist Ansporn und Hindernis zugleich, sich wirklich zu treffen. So lernen sie von einander und finden nach heftigen gedanklichen Auseinandersetzungen zu sich selbst. Jeder fühlt sich ohne den anderen nur als ein ‚halber Mensch’. Nachdem er gefühlsmäßig in die Welt der Gehörlosen eintaucht und sie mit wachsendem Interesse die Lippenleser bewundert, steigt das Verständnis und damit auch das Vertrauen. Bezeichnenderweise ist ihre erste sprachliche Äußerung ein Schrei. Innerhalb des menschlich schwachen Umfeldes müssen die Liebenden allerdings zu Giganten werden. (Superlehrer trifft superintelligente junge Frau!). Kleine Schwächen sind zu vernachlässigen.
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Mi, 14.09.2011
TV | C'est la vie - So sind wir, so ist das Leben
Die Familie lebt3 Sterne
Der Titel des Originals verlegt die Bedeutung auf die Redewendung, dass jeder Tag „der erste Tag vom Rest des Lebens“ ist. Ansonsten ist der Film einer in der langen Reihe von guten Familienkomödien aus Frankreich. Das besondere ist nicht das beinahe Auseinanderbrechen einer Fünfköpfigen Familie mit abschließender Wiedervereinigung, sondern, dass ein längerer Zeitraum beschrieben wird. Und da ergeben sich in dem Dreigenerationenfilm jede Menge altersbedingte Konflikte. Es gibt das übliche familiäre Hickhack mit komödiantischen aber auch emotionalen Szenen. Ein bisschen pubertärer Weltschmerz und Midlife Crisis, aber auch einen Unfall und sogar der Tod tritt ein. Selbst ein Hauch von Drama kommt vorübergehend auf. Aber von allem immer nur ein wenig. Das hält die Stimmung hoch. Und für Harmoniesüchtige gibt es ein finales Loblied auf die Familie. Die Eltern (Jacques Gamblin und Zabou Breitmann) sind inmitten der menschlichen Turbulenzen eigentlich ein Garant für Stabilität. Mutters amateurhafter Ausbruchsversuch verweist auf die Realitätsnähe. Neben ihnen beeindruckt vor allem Déborah-Seitenumblätterin-Francois. Nette Sommerunterhaltung ohne Kitsch, die ohne Trennung, Scheidung oder Patchwork auskommt und doch überzeugt.
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Di, 13.09.2011
TV | Shahada
Glaubensbekenntnis3 Sterne
Die fünf Kapitelüberschriften sind wohl wegweisend. Darunter finden wir z.B. „Beginn der Reise“ „Hingabe“ „Selbstaufgabe“ oder „Entscheidung für einen Weg“. Wir erhalten einen Einblick in die Denkweise der Muslime in unserem Land. Im Vordergrund stehen dabei die Probleme, die ihnen am meisten am Herzen liegen bzw. mit deren Lösung, sie sich besonders schwer tun: Abtreibung, Homosexualität und andere Frauenprobleme. Dabei gibt es einen heftigen Streit über den rechten Weg zwischen gemäßigten und strenggläubigen Muslimen. Anfangs liefern authentische Bilder eine beeindruckende Sozialstudie. Es gibt interessante bildliche Überschneidungen, die durch Wiederholung einen neuen Blickwinkel schaffen. Äußere gemeinsame Erfahrung wie Hagel und die Disko zeigen Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren auf. Wir lernen das Umfeld kennen. Doch dann erlahmt der anfängliche Schwung etwas und das Interesse wird auf eine harte Probe gestellt, denn es geht nicht mehr so zügig weiter wie bisher. Lange Dialoge wechseln mit weiblicher Hysterie und so bekommen die Tiefgläubigen, trotz aller offenkundigen Toleranz, doch allmählich das Übergewicht, nachdem einige problematische Handlungsstränge FFE-mäßig zugekleistert werden. Aller Ehren wert und im Detail sogar recht mutig.
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Mo, 12.09.2011
TV | City of Ghosts
City of Gangsters2 Sterne
Der Film hätte auch heißen können ’City of Gangsters’, denn davon sieht und hört man mehr als von irgendwelchen Geistern. Und natürlich hat sich Nachwuchsregisseur Matt Dillon auch gleich die Hauptrolle selbst verpasst. Er ist also der Held! Die vielen anderen Promis agieren offensichtlich nur zu seinem filmischen Ruhm. Leider geht unterwegs die schöne Natascha McElhone verloren, während Stellan Skarsgard krampfhaft versucht den Undurchsichtigen zu mimen. Allein der unverwüstliche Gérard Depardieu überzeugt wie immer. Die Story ist in Kambodscha angesiedelt. Das liefert einen bunten Hintergrund. Der Plot selbst ist durchschnittlicher Mainstream und geht mit einem ebensolchen Unterhaltungswert durch, wenn man keine Ansprüche stellt. Die wenigen überraschenden Wendungen haben viel Zufälliges an sich. Letztlich verfängt eigentlich nur das exotische Ambiente. Na ja, als Debüt mag der Film ja noch durchgehen. Dillon ist vor der Kamera aber besser aufgehoben.
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So, 11.09.2011
TV | Das Lied von den zwei Pferden
Die Pferdekopfgeige3 Sterne
Die Suche nach einem uralten Lied und die Wiederherstellung einer Pferdekopfgeige führen Urna in die Mongolei, die sich hier als grasgrüne Hügellandschaft präsentiert. Natürlich wird dabei die folkloristische Seite dieser Gegend ausgiebig betont. Doch zwei nicht unwesentliche Nebenaspekte sind erwähnenswert. Zum einen der Vorwurf an den Vielvölkerstaat China, die kulturelle Vielfalt des Reiches der Mitte beseitigt zu haben. Hier wird die Kulturrevolution erwähnt als Vernichter des lokalen Brauchtums. Und außerdem hat Peking die Nomaden zur Sesshaftigkeit gezwungen. Zum anderen sehen wir kurz die Armut der Leute am Rande der Hauptstadt, die vom Müll leben. Und die Einheimischen, die dem Schamanismus huldigen, haben dafür eine einleuchtende Erklärung: Der Mensch beutet die Natur aus und verschmutzt sie. Das macht die Geister böse. Aber auch der Fortschritt in Form von Auto und Handy hat hier Einzug gehalten. Das bringt humorvolle Szenen mit sich. Besonders das Verschicken einer SMS in der Einöde ist ein echt guter Joke. Dass Urna am Ende erfolgreich ist, ist schon klar. Sonst hätten wir aber auch nie die Musik von seltsamen Instrumenten gehört und den Text des Liedes erfahren.
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Sa, 10.09.2011
TV | Ein Mann für geheime Stunden
Ein Mann aus Elysium3 Sterne
Der ironische Kommentar aus dem Off stimmt einen gleich zu Anfang gut ein, auf das, was da auf einen zukommen wird. Und dann entwickelt eine prominente Darstellerriege mit geistreichen Dialogen einen netten Plot: erfolgloser Schriftsteller versucht es notgedrungen bei Begleitservice (Elysian Fields, so der Originaltitel). Da wir uns unter Schriftstellern bewegen, ist das Niveau garantiert. Da es aber auch um das ewig Eine geht, fehlt auch eine deftige Portion Verbalsex nicht. Z.B. „Wir sind die Cocker Spaniels mit Dauerständer.“ Oder „Ficken als letzte Zuflucht für einen Mann, der sich für einen Versager hält.“ Sehen tut man von alledem nichts. Das ist wohl auch nicht so wichtig. Die eigentliche Überraschung ist ein unglaublich distinguierter und seriöser Mick Jagger. Man traut seinen Augen kaum. Sein Gegenspieler Andy Garcia ist für die Emotionen zuständig und punktet mit seinem Dackelblick. Die Mädels (u.a. Angelica Huston, Olivia Williams, Julianna Margulies) fungieren zwischen den beiden und James Coburn als verheißungsvoller Lockvogel bzw. zur Erhitzung des emotionalen Dampftopfes. Gegen Ende kommt dann noch eine überraschende, teils aber auch erwartete, Wende und ein ziemlich hinausgezögertes Quasi-Happy-End. Eine glückliche Mischung, die durch ihre Vielseitigkeit und tolle Darsteller angenehm unterhält.
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Fr, 09.09.2011
TV | Brain Dead
Hirntot3 Sterne
Am Anfang gibt es zwei richtungsweisende Sätze: „Das Universum ist ein feuchter Traum“ und „In der Illusion erleben wir die Realität.“ Wenn man das verinnerlicht und unter diesem Aspekt die Handlung verfolgt, geht man davon aus, dass sich alles nur in Gedanken, nur im Gehirn abspielt, losgelöst vom Körper. Oder vielleicht wird die Hauptfigur vom Konzern nur geträumt. Die spielt Bill Pullman recht überzeugend. Er ist verunsichert, aber auch konsequent standhaft in seiner ganzen Hilflosigkeit. Dabei gibt es allerdings schon reale Ausgangspunkte wie z.B. die heutzutage gängige Schönheits-OP, die hier zur Charakterverbesserung mutiert. Und Drogen sind natürlich unabdingbar. Außerdem wird eine Hälfte einer Formel gesucht, die die Welt verändern könnte. Dann geht es auf einen Horrortrip voller surrealer Schocker. Hier vermischen sich dann natürlich die Grenzen zwischen Vision und Realität. Besonders die realistische Operation am offenen Gehirn geht an die Grenze des Erträglichen. Es gibt klaustrophobische Situationen und Abstürze jenseits von Ort und Zeit. Am Ende wird noch die Frage aufgeworfen, ab wann der Mensch wirklich tot ist. Man sieht ein Gehirn im Glas und hört ’Ich bin tot, denke ich. - Denke ich?’ Mit diesem Hinweis auf Altvater Descartes wäre diese Frage dann auch beantwortet. Sein Alter merkt man dem Film schon an, aber als Gedankenkonstrukt nicht uninteressant.

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