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Di, 15.11.2016
TV | Tage oder Stunden
Die Aussteiger4 Sterne
Jean Becker, der Meister der Minimal-Handlung ist seinem Ruf wieder einmal gerecht geworden. Der totkranke Antoine (Albert Dupontel), will nicht, dass seine Frau Cécile (Marie-José Croze) und seine Freunde um ihn trauern. Doch das erfahren wir erst ganz am Ende. Zunächst gibt er vor, seine Frau zu verlassen. Seine Freunde beschimpft er auf seiner Geburtstagsparty und Virginie (Cristiana Reali) versucht er sogar im Keller zu verführen. Seinen Job schmeißt er hin. Dabei deutet der Titel doch darauf hin, welche Lebenserwartung Antoine noch hat. Lange Zeit lässt uns das Drehbuch im Glauben Antoine habe wirklich eine Geliebte Marion (Alessandra Martines), wie eine Freundin des Hauses Cécile gepetzt hat. Das ist die zweite Überraschung, die auf den Zuschauer wartet. Die nächste ist der Besuch von Antoine bei seinem Vater in Irland, auch ein Aussteiger. Und hier schlägt das Schicksal unerwartet zu. Zumal man erst jetzt erfährt, was es mit Antoine und Marion auf sich hat. Da hat Jean Becker mit unseren eingefahrenen Filmerwartungen gespielt. Vater und Sohn kommen sich näher, Vater (Pierre Vaneck) zeigt Herz, das von Antoine gerät ins Stocken. Der Schluss ist gelungen. Denn ein tränenreiches Ende wäre durchaus angebracht gewesen, doch Jean Becker lässt den Ton weg, lässt nur die Bilder sprechen. Den Rest kann man sich ja denken, nicht nur wegen der Tränen. Ganz abgesehen vom Ende gibt es am Anfang herbe Gesellschaftskritik, wenn Antoine seinen Freunden alles sagt, was er bisher runtergeschluckt hat und sich nicht getraut hat zu sagen. Diese bürgerliche Rücksichtnahme kommt mit pfiffiger Ironie daher. Überhaupt sind die Dialoge realistisch, treffen stets in Schwarze. Auch aus Kindermund.
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Mo, 14.11.2016
TV | Die geheimnisvolle Fremde
Arthouse depressiv1 Stern
Ein Film mit vielen Lücken, was ihn für manche äußerst geil macht, weil er mehr Fragen offen lässt als zu beantworten. Bei so viel unausgegorenem Murks fühlt man sich doch irgendwie verarscht. Oder man legt sich den Gestus eines Vernissage Besuchers zu und schaut tiefgründig Grübelnd drein, obwohl man nicht die Bohne einer Ahnung hat, worum es hier eigentlich geht und stammelt dabei so etwas unverständlich wie ‘Unglaublich…hm…interessant…Ja, genau! etc.‘ Früher sagte man ‘Wenn du nicht mehr weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis‘. Das könnte man hier variierten zu ‘Kein Genre passt, was soll’s Gewimmer. Nimm Arthouse, denn das passt doch immer.‘ Was als Roman noch durchgehen kann, geht im Film anders, so jedenfalls nicht. Zurück zum Unglaublichen: Der erfolglose, geschiedene Schriftsteller Tom Ricks (Ethan Hawke schaut mit großer Brille gewichtig drein), fällt in Paris unter die Straßenräuber, nächtigt in einer Absteige, verdingt sich als ‘Night Manager‘ (hätte John le Caré gesagt) und pendelt sexmäßig zwischen der älteren Margit (Kristin Scott Thomas) und der jungen Frau des Hoteliers Ania (Joanna Kulig) hin und her. Der Titel meint aber nur Margit. Die ist mal weg, dann wieder da, eigentlich schon seit Jahren tot. Ach guck mal an!? Auch Toms kleine Tochter verschwindet mal zwischendurch vorübergehend. Kaum hat Margit Tom kennengelernt, wäscht die ‘geheimnisvolle Fremde‘ ihm schon die Haare in der Wanne und sitzt aber daneben. Ach was?! Toms Nachbar wird ermordet, er nur verhört. Und am Ende ist einfach Schluss. Gottseidank. Das färbt auf die Stimmung der Zuschauer ab. Alle Figuren des Films sind deprimiert, der Zuschauer darüber hinaus erleichtert, dass es überstanden ist. Mein Nachbar hatte noch fragend hinzugefügt ‘Mein lieber Kokoschinski?!‘
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So, 13.11.2016
TV | Stonehearst Asylum - Diese Mauern wirst du nie verlassen
Patientenrevolte3 Sterne
Die Grundidee ist noch recht einfach und klar konzipiert. Man kann die entfernte Anlehnung an E. A. Poe nachvollziehen. Erst gegen Ende wird es etwas kryptisch, wenn man sich fragen muss, wer den jetzt von den Insassen der Anstalt zu den Kranken zählt und wer zu den Nicht-Kranken. Es läuft auf eine unterschiedliche Behandlungsmethode zweier psychiatrischer Schulen hinaus. Wir erfahren, dass in Stonehearst die Patienten die Rolle mit dem Personal und den behandelnden Ärzten gewaltsam getauscht haben. So wurde Dr. Lamb (Ben Kingsley) der neue Leiter und Mr. Finn (David Thewlis) dessen rechte Hand fürs Grobe. Eliza (Kate Beckinsale) ist eine der begabten Patienten (Pianistin), die sowohl unter dem Einfluss von Dr. Lamb steht als auch unter dem von Dr. Newgate (Jim Sturgess) dem neu eingetroffenen Arzt aus Oxford. Das alte, richtige Personal ist im Keller eingesperrt. Unter ihnen Dr. Salt (Michael Caine). Aus reiner Liebe zu Lady Eliza befreit Dr. Newgate das Personal, kuriert auch Dr. Lamb von seinem Sadismus und verschwindet mit ihr nach Italien. Von der vielen Fachsimpelei verstehen wir, dass Dr. Lamb mit Elektroschocks arbeitet, was zwar unmenschlich aussieht, aber um 1900 durchaus Standard war. Dann kommt das überraschende Ende. Eine Vorlesung eines Nervenarztes (Brendon Gleeson) bildet den Rahmen der Handlung. Eingangs hatte er den Fall einer Patientin seinen Studenten vorgestellt. Hier war wohl Newgate für sie entflammt und als Arzt in Stonehearst angetreten. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass hier die These vertreten würde, in der Psychiatrie kann jeder Hand Dampf behandeln. Doch das ist nicht nur gefährlich sondern auch grundfalsch. Edgar Allen hat das auch so nie gesehen. Aber ein zuckersüßes Happy End mit einem verlassenen, hässlichen Ehemann ist publikumswirksam. Und Kate Beckinsale ist hier ein echter Hingucker. That’s entertainment. Und nicht die schlechteste.
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So, 13.11.2016
TV | Die Frau hinter der Wand
Die scharfe Nachbarin4 Sterne
Ein aktuelles Thema: ‘Wohnungsnot‘ wird hier zu einer spannenden Sex und Crime Drama ausgebaut. Die nymphomanische Nachbarin Simone (Katharina Heyer) verführt den arglosen Studenten Martin (herrlich hilflos Vincent Redetzki). Damit wird eine Lawine von Gewalt losgetreten, die an PSYCHO oder das FENSTER ZUM HOF erinnert. Der durchdachte Spannungsaufbau rührt von immer mehr einfließenden Details vom Umfeld dieser ‘scharfen‘ Nachbarin und von den gleich zu Anfang bereit gestellten Hilfsmittels wie die Löcher in der Wand oder ein Stethoskop. Dazu kommt noch der gewaltbereite Ex von Simone Sebastian (Florian Panzner) sowie der unter unklaren Verhältnissen verschwundene Vormieter Robert (Robert Stadlober) der wieder auftaucht. Da knistert es echt wenn Simone, Sebastian und Martin zusammentreffen und sie einen nach dem anderen versucht anzumachen. Selbst der kranke Hausmeister Horn (Ronald Nitschke) trägt zur Steigerung der Spannung bei, bevor das blutige Finale ansteht. Martin kommt ihr langsam auf die Schliche und wird zusehends misstrauischer. Da hilft es auch nichts wenn sie ihre friedlichen Intentionen an den Vögeln demonstriert ‘ Flieg und Werde‘, die ihr aus der Hand fressen. Sie beweist (nur ganz kurz) ihre seherischen Qualitäten, als Martin sich eine neue Wohnung sucht. Ihre Einladung zum Essen gerät zum Massaker, nachdem er zuvor Sebastians Leiche in einem Lehmblock in Simones Wohnung findet. Ein ‘Selbstportrait‘ wie sie sagt. Blut und Messer lassen selbst Martin nicht kalt. Ein kleiner Hänger in der Mitte wird rasch überspielt. Ein netter Einfall und ein Hinweis auf den Titel ist der ganz persönliche Briefkasten der beiden Mieter zwischen Wand und Fensterscheibe. Doch die hohe Spannung an sich wird bis zum Ende durchgehalten und beim Runterfahren hat Hans Zischler als Martins Vater noch ein Cameo.
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So, 13.11.2016
Kino | Café Society
Kalter Kaffee2 Sterne
Woody Allen der Vielfilmer hat wieder einmal zugeschlagen. Diesmal mit einer romantischen Allerweltskomödie, die leider seinen sprichwörtlichen Dialogwitz vermissen lässt. Also auch keine echte Komödie ist. Nur die Atmo der 30er Jahre kommt gut rüber durch den Swing, der die langweiligen Szenen verbindet. Eine konventionell erzählte Liebesgeschichte gekoppelt an den Aufstieg des jungen Bobby (Jesse Eisenberg), der sich in Vonnie (Kristen Stewart), die Geliebte seines Wohltäters und Onkels Phil (Steve Carell) verliebt. Aber die heiratet dann doch lieber den alten Phil und Bobby wird Vater mit der Society Lady (Blake Lively) gleichen Namens. Bobby trifft sich wieder mit Vonnie (eins). Schmacht, man ziert sich etwas, bis es wieder schnackelt. Damit das Publikum nicht schon vor Ende der Vorstellung das Kino verlässt, hat Bobbys (natürlich “jüdische“) Verwandtschaft aus dem halbseidenen Ganovenmilieu Streit mit einem Nachbarn und der wird ordnungsgemäß mafiamäßig entsorgt. Man ahnt wie und kann es dann doch nicht glauben, wenn man den Betonmischer sieht. Woody Allens bekannt umständliche Gespräche werden hier bisweilen manieristisch platt getreten, wie die Szene zwischen Bobby und einer Nutte zeigt. So nach dem Motto ‘Nicht – Doch – Nicht doch. - Nicht. Und der Hauch von Kritik am Glamour Hollywoods verschwindet nebulös hinter einer Vielzahl von Namen von Leinwandgrößen. Gut, man will sich im Gespräch mit diesen Nichtigkeiten wichtig tun. Für den Zuschauer ist es Schall und Rauch. Wie der ganze Film. Wir verdanken Allens Ausnahmetalent so viele großartige Filme, sodass er sich selbst Maßstäbe gesetzt hat, denen er hier nicht gerecht werden kann. Hier beweist er lediglich, dass er es besser kann. Viel besser. Das hier ist Kalter Kaffee!
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Sa, 12.11.2016
TV | Von Menschen und Pferden
Von Pferden lernen4 Sterne
Ein schlichter Titel hinter dem sich ganz subtil die Philosophie der Isländer verbirgt. Benedikt Erlingsson hat einen netten kleinen Film gemacht mit leiser Komik und viel Liebe zur Natur und dem Islandpferd. Immer wieder sehen wir es im Tölt, eine eigene Gangart, die es nur hier gibt (neben Schritt, Trab und Galopp). Mit ganz großen Nahaufnahmen (Fell, Auge) und in mehreren Episoden wird die Bedeutung der Pferde für das Leben der Insulaner deutlich. Man kann mit ihm zu einem Tanker schwimmen und Wodka einkaufen, in einem Schneesturm überleben oder sich mit seinem Nachbarn über Wege und Zäune streiten. Als Frau muss man besonders gut reiten können. Das begreift Solveig (Charlotte Bøving), die stolze Besitzerin eines schwarzen Hengstes erst am Ende des Films. Als sie ihr Nachbar Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson ) mit seiner Stute (‘Mein Mädchen‘) besucht, müssen es die beiden Vierbeiner ihren Besitzern erst vormachen, was die Zweibeiner bestenfalls nur mal so andenken. Sie werden dafür sogleich gnadenlos bestraft: Solveigs Hengst wird kastriert, Kolbeinn erschießt sein ‘Mädchen‘. Außer den Pferden ist noch etwas ganz wichtig in der Weite der isländischen Landschaft: das Fernglas. Von den verstreut liegenden Höfen aus beobachten die Dörfler alles, was da so vor sich geht. Als sich endlich Solveig entschließt beim Zusammentreiben der Herden mitzureiten, kann sie Kolbeinn in einem etwas abseitsgelegenen Tal verführen. Nicht nur die Pferde schauen dabei interessiert zu. Die unterlegte Musik betont den schnellen Tippelgang, mit dem die stämmigen Vierbeiner durch die Landschaft jagen. Und wenn es ganz gefühlvoll werden soll, erklingt noch ein Chor mit isländischer Volksmusik. Viel geredet wird ja hier nicht, dafür aber öfters geschmunzelt.
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Do, 10.11.2016
TV | Voll das Leben - Reality Bites
Die Kids der 90er3 Sterne
Oberflächlich betrachtet hat Ben Stiller eine Coming-Off-Age Comedy gemacht. Vier Collegeabsolventen Vickie, Samy, Troy und Lelaina versuchen im Leben Fuß zu fassen. Sie leben in einer WG und müssen sich mit den üblichen Problemen des Zusammenlebens herumschlagen: z.B. mit der Telefonrechnung und der .Miete. In den flotten Dialogen wird deutlich, welches Lebensgefühl die jungen Leute bestimmt. Sie sind aufmüpfig, ausgeflippt und frei, aber auch dünnhäutig. Ihre Eltern sind nicht nur ganz anders gepolt sondern auch ohne jegliches Verständnis für den Nachwuchs. Bitten sie um Geld, fragen die Alten ‘Brauchst du es für Drogen?‘ Zu diesen vier stößt noch Michael (Regisseur Ben Stiller). Der Yuppie verliebt sich in Lelaina (Winona Ryder) ebenso wie Troy (Ethan Hawke), der vorübergehend einzieht. Er philosophiert vor sich hin und um die anderen herum – vor allem um Lelaina. Als Michael mit Lelaina ausgeht, stellt er sich vor als ‘Nicht praktizierender Jude‘. Sie kontert ‘Und ich bin eine nicht praktizierende Jungfrau.‘ Dabei kommen den Youngsters Erkenntnisse, dass das Leben nicht so ist wie im Fernsehen. Dies und andere leise Untertöne werfen einen ironischen Blick auf die 90er Jahre, besonders aufs Früstücksfernsehen für Oldies. Trotz des klar vorhersehbaren Happy Ends kann man den munteren Gesprächen interessiert folgen. Denn die Kids sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Sie suchen nur und versuchen sich zurecht zu finden. Da sind alle vier absolut authentisch. Vicky (Janeane Garofalo) bringt als Verkäuferin das proletarische Element mit ein, verdient immerhin etwas Geld. Ein stimmiges Zeitbild aus den 90er Jahren mit einer Schauspieler-Riege aus dieser Zeit. Es ist noch nicht so ganz ‘Voll das Leben‘ aber ein paar Bytes sind es schon. Munter, pfiffig, amüsant.
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Do, 10.11.2016
TV | Chemo
Beziehung als Sterbespiel4 Sterne
Eigentlich ein knallharter Film zum Thema Brustkrebs. Und die Hauptbetroffene Lena (eindrucksvoll Agnieszka Zulewska) sagt ‘Man kann nicht todkrank und verliebt sein‘. Aber die Ausflüge ins Surreale (z.B. Regen im Parkhaus) oder die umwerfenden Pointen der Dialoge und der ungewöhnliche Schnitt lassen einen bisweilen die Tragik vergessen. Der Film spielt mit der Realität und einer ungewöhnlichen Umgebung wie z.B. die Wohnung von Benek (Tomasz Schuchardt) in der alles schwarz übersprüht ist und ein Galgenseil von der Decke hängt. Das lässt die Gedanken des Zuschauers abheben. Man ist noch bei der Trauung, da kommt es immer dicker: erst Krebs, dann Schwangerschaft. Ab und zu verpassen uns die Gespräche Hammerschläge (z.B. ‘Du bist kerngesund.‘ – ‘Eher todkrank.‘ Und dann wieder lyrisch abgefederte Passagen. Lena ‘Ich will nicht sterben.‘ Benek ‘Ich werde mich für dich und die Schönheit des Augenblicks überwinden.‘ oder ‘Der Tod ist eine Frau und die ist geduldig.‘ Auch ironische Repliken wirken wie ein Palliativ. In der Klinik bei der Besprechung mit der Chirurgin (Danuta Stenka) über die Amputation ‘Schneiden wir sonst noch etwas weg?‘ – ‘Vielleicht das Gehalt der Ärzte.‘ Wir erleben auch ihre und seine Verzweiflung, die sich in Schreien ohne Ton und Prügeleien äußert: ‘Wir leben zusammen, krank bin ich allein.‘ Nach der Geburt der Tochter Tosia kühlt sich das Verhältnis etwas ab. Beide sind verunsichert. Der Krebs geht weiter. Lena sperrt Benek aus. Auch Geldnot und die Kirche spielen eine Rolle. (‘Keine Haare, keine Brüste, keine Zukunft.‘). Sie duellieren sich verbal: ‘eine Frau ohne Brüste ist wie ein Frosch ohne Fahrrad,‘ – ‘Ist wie Hitler ohne Holocaust‘ - Ist wie Kirche ohne Teufel.‘ Melodische Songs kommentieren die Handlung, im wörtlichen Sinne fast wie der Chor in der griechischen Antike. Dazu passend wortlos und aus der Distanz betrachtet ein Schluss, unerbittlich aber schön. Das neue polnische Kino lebt, so gut wie eh und je.
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Mi, 09.11.2016
TV | The Jacket
Die Erkennungsmarke4 Sterne
Dieser Film von John Maybury ist schwer einzuordnen. Wenn man das etwas verwirrende Spiel mit den verschiedenen Zeitebenen nimmt, wobei sogar ein Blick in die Zukunft geworfen wird, geht es doch wohl meistens in Richtung Fantasie. Dann kann man auch über die logischen Knacks hinwegsehen, was einem bei dem brilliant aufspielenden Promiensemble leicht fällt. Im Kern geht es darum, dass der Irak-Kriegs-Veteran Jack Starks (Adrien Brody), der unter Wahnvorstellungen leidet, für einen Mord, den er nicht begangen hat, in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Die Anwendung von fragwürdigen medizinischen Methoden verleiten ihn dazu, über seine Vergangenheit Nachforschungen anzustellen. Zumal er offiziell tot ist. Da liefern sich Mediziner therapeutische Scheingefechte. Vor allem Chefarzt Dr. Becker (Kris Kristofferson) ist der Vertreter der Industrie der Psychopharmaka. Seine Kollegin Dr. Lorenson (Jennifer Jason Leigh) tut das zwar auch, ist aber im Gegensatz zu ihm erfolgreich. Das Anstaltspersonal besteht fast ausschließlich aus Kriminellen (u.a. Brendan-DowntonAbbey-Coyle) und so werden hier die Versuchskaninchen fixiert, sediert und gefoltert, bis der Arzt kommt. Die ansatzlose Verknüpfung der Zeitebenen verwirrt einerseits, schafft andererseits aber auch eine gewisse Spannung, die Produzent Soderbergh wohl nachempfunden ist. Hier kommt der erwachsenen Jackie Price (Keira Knightly) eine wegweisende Funktion zu. Ein Anhaltspunkt sind die verschiedenen Autos, die sie fährt. Die Anfangsszenen muss man sich ganz genau einprägen oder den ganzen Film nochmal anschauen. Besonders auf Jacks Erkennungsmarke ist zu achten. Nicht zu vergessen die großartige schauspielerische Leistung von Daniel Craig als Anstaltsinsasse: ein durchgeknallter Psychopath. Offen bleibt die Frage nach er Interpretation des Titels ist es: a) die Zwangsjacke in die man Jack steckt oder ist es b) die Kugel, die in Jacks Kopf steckte? Verwirrende Spannung grandios gestaltet.
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Di, 08.11.2016
Kino | El Olivo - Der Olivenbaum
Opas Frust4 Sterne
Iciar Bollain ist ein wundervoller Film gelungen, der eine Story hat mit einem rührenden Schluss neben einer Botschaft, die sich von der Philosophie der Olivenbäume herleitet. In Rückblenden wird die enge Beziehung zwischen Alma (großartig Anna Castillo) und ihrem Großvater Ramon (eindrucksvoll Manuel Cucala) erzählt. Als die Familie wegen finanzieller Schwierigkeiten beschließt, einen zweitausend Jahre alten Olivenbaum an einen Konzern in Deutschland zu verkaufen, verweigert Ramon jegliche Kommunikation und Alma beschließt den Baum zurück zu holen. Die ernsten Untertöne wie die leise Kritik an den Global Players stören den komödiantischen Charakter des Films ebenso wenig wie die gehaltvollen Dialoge über Zivilcourage oder die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, das nur mittels Verschweigen der vollen Wahrheit, sprich Lügen, ins Werk gesetzt wird. Alma und ihre beiden Mitstreiter Onkel Alca (Javier Gutierrez) und ‘Beinaheliebhaber‘ Rafa (Pep Ambros) fetzen sich bis zur Schmerzgrenze und wenn es gar nicht mehr weitergeht und alles aus zu sein scheint, gibt es eine längere Pause zum Nachdenken und dann lachen alle drei wieder. Das ist symptomatisch für den ganzen Film. Es wäre unrealistisch gewesen, wenn der übermächtige Finanzriese den Olivenbaum wieder rausgerückt hätte, das musste Alma wohl erst vor Ort erfahren. Leider ist das auch Opas Ende. Doch ein neuer Olivenbaum wird gepflanzt – ein Zweig vom alten – mit den hoffnungsvollen Worten ‘Der Alte stand die letzten zweitausend Jahre. Hoffen wir, das die nächsten 2000 besser werden.‘ Dem kann man sich nur anschließen.

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